Leitartikel

Braune Bürde

 

Der faschistische Diktator Benito Mussolini bleibt Ehrenbürger der Stadt Trient. Das sagt einiges über unsere Nichtaufarbeitung der Geschichte aus. von Karl Hinterwaldner, Vizechefredakteur

Benito Mussolini (1883–1945) bleibt Ehrenbürger von Trient. Die rechte Opposition im Gemeinderat wollte den Duce nicht aus der Stadt jagen, lieber verließ sie die Abstimmung. So fehlten am Ende vier Stimmen, die für eine Aberkennung des Titels notwendig gewesen wären.
Trients Bürgermeister Franco Ianeselli sprach von einer „Schande“. In Deutschland, sagte der Mitte-links-Mann, würde keine Gemeinde einen Ehrenbürger namens Adolf Hitler haben wollen. In Italien sei das offensichtlich anders.
Damit hat er recht. Der Fall zeigt vor allem, wie schwer sich das Land nach wie vor mit der Aufarbeitung seiner faschistischen Vergangenheit tut. Jahrzehntelang war es ja vor allem eine Nichtaufarbeitung gewesen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben viele Faschisten im öffentlichen Dienst. Weitreichende Amnestiegesetze bewirkten, dass viele Täter ungeschoren davonkamen. Und Parteien wie der MSI sorgten dafür, dass der Faschismus in Italien salonfähig blieb. Bis heute.
Dabei waren Mussolini und seine Spießgesellen keine Spaßtruppe, deren Wüten mit dem Prädikat „harmlos“ abgetan werden könnte. Das zeigen die Fakten. Der Duce, wie er genannt wird, führte Italien in den Zweiten Weltkrieg, das Land brauchte Jahre, um sich davon zu erholen; im Krieg starben an die 300.000 italienische Soldaten und Zivilisten.
Er ließ auf dem Balkan Konzentrationslager errichten und Zehntausende Menschen internieren; mehrere Tausend kamen dabei ums Leben.
Noch grausamer waren die Eroberungsfeldzüge in Afrika. In Libyen und Äthiopien mussten über 100.000 Menschen ihr Leben lassen – weil Mussolini etwa den Einsatz von Giftgas anordnete oder die Bombardierung von Zivilisten in Dörfern und Städten.
Dieser Mann war ein Diktator, Kriegstreiber und letztlich ein Massenmörder. Ihn als Ehrenbürger zu haben, ist beileibe keine Ehre, sondern eine schwere Bürde.
„Teile der italienischen Politik tun sich nach wie vor schwer damit, sich konsequent und glaubwürdig von ihrer faschistischen Vergangenheit zu lösen“, sagt dazu SVP-Obmann Dieter Steger. Das mag stimmen. Zugleich macht seine SVP in der Landesregierung mit denselben Rechtsparteien gemeinsame Sache, die Mussolini in Trient einen guten Mann sein lassen. Das ist weder konsequent noch glaubwürdig.

Wir müssen daher gar nicht mit dem Finger auf Trient zeigen, wir haben vor der eigenen Haustür genug zu tun. Eine braune Bürde lastet genauso auf Südtirol. Die Gemeinden des Landes haben mehr als 500 Ehrenbürger, das hat dieses Magazin (ff 24/2025) vor einem Jahr recherchiert. Fast alles Männer, gar einige von ihnen mit zweifelhafter Vergangenheit.
Unter Brixens Ehrenbürgern findet sich zum Beispiel Gennaro Sora. Der Alpini-Kommandant nahm in den Dreißigerjahren an Säuberungsaktionen in Äthiopien teil, bei denen Giftgas eingesetzt, Dörfer niedergebrannt und Brunnen vergiftet wurden.
Daneben gibt es im Land Kasernen, Straßen oder Plätze mit sehr fragwürdigen Namen. In Meran kann man etwa durch die Otto-Huber-Straße schlendern. Er war ein „Kriegsheld“ der Faschisten, in Libyen flog er Tiefflugangriffe gegen „rebellische“ Dörfer.
Oder in Bozen, wo an der Luigi-Cadorna-Straße Schulen und Sportplätze liegen. Ob die jungen Leute, die hier entlangkommen, wissen, wer dieser Cadorna war? Der Chef des italienischen Generalstabs im Ersten Weltkrieg gilt wegen seiner besonderen Brutalität heute als Kriegsverbrecher.

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