Leitartikel

Der Stoff, der uns treibt

 

Wenig haben die Regierenden getan, um uns vom Erdöl unabhängig zu machen. Aber wir tun auch so, als müssten wir nicht haushalten.

In den 1970er-Jahren waren die Häuser oft kalt und die Straßen leer, die Autos durften an manchen Sonntagen nur gewaschen und poliert werden. Der Grund: Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen. Auf den Fotos von damals sieht man, wie die Leute auf den Autobahnen spazieren gehen oder auf den Straßen Pferdefuhrwerke fahren.
Der Grund für die Fahrverbote oder für die Reduzierung der Heiztemperaturen: eine Ölkrise, das heißt die Drosselung der Förderung durch die Länder im Nahen Osten, die billiges Öl, den Treibstoff der Wirtschaft, exportierten wie der Iran oder Saudi-Arabien. Im Hintergrund: der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und Ägypten und Syrien.
Das Erdöl ist eine politische Waffe – wie jetzt wieder im Krieg, den die USA und Israel gegen den Iran führen. Der Benzin- oder Dieselpreis ist ein wirtschaftlicher und sozialer Brandbeschleuniger. Steigen die Preise, stagniert das Wirtschaftswachstum oder rutscht gar ins Minus, die Menschen sind unzufrieden. Das heißt, um es einmal so auszudrücken, in Europa entzündet der Benzinpreis den Protest wie anderswo die Brotpreise.
Offensichtlich haben wir das Auto so notwendig wie das tägliche Brot, betrachten billige Energie als Grundrecht. Wehe es wird uns genommen, wie jetzt, wo die Preise steigen – trotz der verzweifelten Versuche der Regierungen, durch die Reduzierung der Abgaben die Preise zu senken. Wer von den hohen Preisen profitiert, sind die Regierungen und die Konzerne.
Man muss sich wundern, dass Europa schon wieder ein Energiepreis-Problem hat – und das nach der Energiekrise, die durch die Pandemie und den Krieg von Russland gegen die Ukraine entstanden ist. Da waren die Versprechungen groß: Wir werden uns unabhängig machen von den fossilen Energien, hohe Preise und Engpässe sollen nicht noch einmal die Wut der Leute entfachen. Das erwies sich als Trugschluss. Und nährt eine Unzufriedenheit, von der die rechten Maulhelden profitieren.
Wenig von den Versprechungen haben die Regierungen gehalten. Es geht eher wieder rückwärts: E-Autos sind noch viel zu teuer, der Ausbau von alternativen Energien geht zu langsam, die Wasserkraft wird nicht genutzt, weil neue Kraftwerke überall anders gebaut werden sollen, nur ja nicht vor der eigenen Haustür, wie man in Ulten sieht. Und bis ein Windrad steht, vergehen viele Jahre. Meistens verhindert gerade von denen, die eine Abkehr von fossilen Energien fordern, die, richtigerweise, eine Rückkehr zur Atomkraft ablehnen. Und es gibt in Südtirol noch viele Kondominien, die fröhlich mit Gas heizen.
Das alles liegt nicht in der Verantwortung des Einzelnen, wird aber bestärkt durch den Glauben an das heilige Auto. Selbst wenn man nicht viel fährt, muss man das Gefühl haben, es tun zu können – das ist Freiheit. Und dennoch hat jeder eine Verantwortung, Ressourcen zu sparen, auf die Welt zu schauen, in der wir leben, das Gaspedal nicht bis zum Anschlag durchzudrücken, sich für die schonende Verwendung von Ressourcen einzusetzen.
Auch wenn der eine oder die andere das jetzt bespötteln wird: Treibstoff zu sparen, das Auto stehen zu lassen, die Öffis zu nutzen, die in Südtirol billig sind und für öffentlich Bedienstete sogar kostenlos, ist das Gebot unserer Zeit.

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