Dennis Verdorfer hatte einen schweren Unfall beim Skitraining. 17 Minuten lang lag er wie tot auf der Piste. Die Prognose: lebenslanger Pflegefall. Doch er will trotzdem Profiskifahrer werden. Text und Fotos: Valentina Marseiler und Julia Agethle
Leitartikel
Der Wal im Raum
Timmy und die namenlosen Toten im Mittelmeer: Warum kümmert uns das Schicksal eines gestrandeten Säugetiers mehr als das Tausender Menschen?
Der Buckelwal Timmy hält die Öffentlichkeit seit Wochen in Atem. Was hat ihn dazu getrieben, sich an einen flachen Strand in die Ostsee zu legen? Wie kann er es wieder ins Meer schaffen? Und: Überlebt er den ganzen Zirkus überhaupt? Denn Menschen haben bis zuletzt versucht, den Wal zu retten. Die meisten Fachleute sagen, man hätte den Buckelwal in Ruhe lassen sollen; womöglich habe er gerade deswegen diesen Ort aufgesucht, um stressfrei sterben zu können.
Das wollten die Retterinnen und Kümmerer nicht hinnehmen. Befeuert von Influencerinnen, Politikern und selbst ernannten Fachleuten zog man die Aktion „Rettet Timmy“ knallhart durch. Tatsächlich gelang es, das Tier zurück in die Nordsee zu bringen. Ob es da überleben wird?
Schön wäre es, wenn solch unermüdlicher Einsatz auch im Mittelmeer zu sehen wäre. Hier sterben im Durchschnitt acht Menschen – jeden Tag, und das seit Jahren. 2025 waren es an die 2.000 Tote, im Jahr davor mehr als 3.000. Es sind verzweifelte Menschen, die versuchen, von Afrika oder Asien nach Europa zu kommen. Sie sind auf der Flucht vor Kriegen, Elend – oder einfach nur auf der Suche nach einem besseren Leben.
Im vergangenen Jahr kamen etwa 155.000 Menschen übers Mittelmeer nach Europa. Nun können wir darüber streiten, ob das gut ist oder schlecht, was die Ursachen dieser Völkerwanderung sind oder wie man die Lage besser in den Griff bekommen könnte. Worüber wir nicht streiten sollten, sind die Toten im Mittelmeer.
Jeder Mensch, der ertrinkt, ist einer zu viel. Und jeder Mensch, der im Mittelmeer in Lebensgefahr gerät, hätte sich mindestens gleich viel Aufmerksamkeit und Hilfe verdient wie Timmy. Aber das passiert nicht. Jeden Tag ertrinken acht Menschen auf der Flucht im Mittelmeer (im Durchschnitt in den Jahren 2021 bis 2025), die meisten von ihnen Männer, aber auch Frauen, Kinder, Alte oder Kranke.
Hier schauen wir gleichgültig weg und tun so, als würde uns das alles nichts angehen. Es ist wie beim „Elefanten im Raum“: Er steht sprichwörtlich für ein Problem, das unmöglich übersehen werden kann – und doch übersehen wird. Aus unterschiedlichen Gründen.
Die Toten im Mittelmeer sind der Elefant. Sie übersehen wir, überlassen die Menschen ihrem Schicksal. Dagegen entwickeln wir für den Wal in der Ostsee unendlich viel Anteilnahme, helfen ihm aus der Patsche, sogar wider alle Bedenken von Fachleuten.
Der Wal im Meer ist, anders als der Elefant im Raum, sichtbar. Er gibt uns das Gefühl der Handlungsfähigkeit: Wir können das Tier retten, das schaffen wir. Und weil so ein Wal ein ziemlich großes Tier ist, geben wir ihm sogar einen Namen.
Das Muster ist bekannt: Wir vermenschlichen Tiere gern, egal ob es Bären (Jurka oder Bruno), Eisbären (Knut) oder Kraken (Paul) sind. Im Zweifelsfall sind Tiere die besseren Menschen. Sie sind knuddelig, leben nach ihrer Natur und machen daher auch nichts falsch.
Menschen, vor allem in einer anonymen Masse, ordnen wir hingegen gerne als böse ein, als Nichtsnutze, als Sozialschmarotzer, die uns in Europa etwas wegnehmen wollen. Daher schauen wir lieber weg. Ist ja nicht unsere Schuld, wenn die sich aufs Meer begeben und dann qualvoll ertrinken. Wirklich?
Aber selbst wenn es so wäre: Ist es nicht Christenpflicht, andere Menschen vor dem Tod zu bewahren? Warum tun wir das dann nicht, sondern nehmen gleichgültig hin, wie Männer, Frauen und Kinder qualvoll ertrinken?
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