Leitartikel

Die einen dürfen, die anderen nicht

 

Der Landeshauptmann verfügt: Wasser sparen! Gut so. Aber warum wird der Tourismus nirgends erwähnt? von Alexandra Aschbacher, Redakteurin

Seit Wochen regnet es wenig. Eine Hitzewelle jagt die nächste. Es gibt derzeit keine Schneereserven. Das Wasser wird knapp. Der Landeshauptmann hat den Wassernotstand ausgerufen. Die Bevölkerung soll „sparsam, effizient und nachhaltig“ mit dieser Ressource umgehen. Reinigung von Straßen und Plätzen mit Wasser? Untersagt. Private und öffentliche Grünflächen bewässern? Nur alle drei Tage erlaubt – zwischen 19 und 8 Uhr. Bewässerung in der Landwirtschaft mit Oberkronenberegnung? Verboten zwischen 21 und 6 Uhr.
Die Einschränkungen treffen alle. Allein der Tourismus wird im Dekret nicht explizit erwähnt. Das ist sehr ärgerlich. Wenn alle Wasser sparen müssen, warum nicht auch die Touristiker?
Die Daten sind lückenhaft, aber sie sprechen eine eindeutige Sprache: Laut dem Landesinstitut für Statistik verbrauchen Einheimische ungefähr 250 Liter Wasser pro Kopf und Tag; bei Touristinnen und Touristen sind es Schätzungen zufolge 400 bis 500 Liter. Der Bericht „Sustainable Tourism Observatory South Tyrol“ der Eurac weist für 2023 einen touristischen Wasserverbrauch von 8,3 Millionen Kubikmetern aus. Das ist ein Anstieg von 28,5 Prozent im Vergleich zu vor zehn Jahren.
Schon diese lückenhafte Datenlage reicht, um die Anti-Tourismus-Stimmung anwachsen zu lassen. Da hilft es auch wenig zu wissen, dass die Landwirtschaft immer noch der größte Wasserverbraucher ist. Oder dass der HGV seinen Mitgliedsbetrieben kostenlose „Wasser sparen“-Aufsteller zur Verfügung stellt. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass es eine Zweiklassengesellschaft gibt – die Einheimischen und die Gäste.
Da Südtirol ein wasserreiches Land ist, mussten wir uns lange Zeit keine Gedanken über unseren Verbrauch machen. Doch mit der Sorglosigkeit ist es vorbei. Seit Jahren häufen sich Dürresommer auch in Mitteleuropa. Je heißer es wird, desto mehr Wasser brauchen Mensch und Natur. Bereits im Sommer 2022 griff der Landeshauptmann auf eine Wassernotstandsverordnung zurück. Ebenso im Frühjahr 2023. Es sollte sich allmählich also herumgesprochen haben, dass Handlungsbedarf besteht, um sparsam mit der Ressource Wasser umzugehen.
Trotz der kritischen Gesamtlage ist es verwunderlich, dass das Thema Wassermangel noch immer nicht in der Mitte der Gesellschaft, aber auch nicht in der Politik angekommen ist. Zumindest nicht in der gebotenen Dringlichkeit.
Freilich, Südtirol ist und wird in absehbarer Zeit nicht zur Wüste werden. Aber in der Tendenz sind sich Fachleute einig: Auch Südtirol wird auf Dauer ein Wasserproblem haben. Wir brauchen deshalb ein vorausschauendes Ressourcenmanagement. Dazu gehören belastbare Daten: Wo geht wie viel Wasser verloren? Wer verbraucht genau wie viel? Aus einer Landtagsanfrage des Team K geht hervor, dass zuständige Landesstellen nicht genau wissen, wie viel Wasser im Land verbraucht wird und wo es letztlich hinfließt. Verbrauchsdaten für Landwirtschaft und Industrie seien nur „teilweise bekannt“.
Einschränkungen, wie sie derzeit von der Politik gefordert werden, sind verständlich. Andererseits folgen sie dem üblichen Reflex: Der Einzelne soll richten, wo Politik und Behörden versagen. Statt Familien ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie im Hochsommer das Planschbecken für die Kinder befüllen oder ihren Gemüsegarten gießen, wäre es spätestens jetzt an der Zeit für eine Politik, die nicht nur auf Notlagen reagiert, sondern frühzeitig einen Aktionsplan zur landesweiten Wasserstrategie entwirft und umsetzt.
Nach Ansicht der Unesco hat die zunehmende Wasserknappheit das Potenzial, Konflikte auf der ganzen Welt zu verschärfen. Das gilt auch für unser Land. Die gute Nachricht ist: Man wüsste, was zu tun ist. Man muss nur damit beginnen. 

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