Leitartikel

Mutig und entschlossen

 

Glurns ist nun im Sommer verkehrsberuhigt, auf Südtirols Passstraßen wird weiterhin Vollgas gegeben. Was läuft da bloß schief?

Dem Glurnser Bürgermeister ist gelungen, was ihm die wenigsten zugetraut hätten: die Stadt im Sommer für den Durchzugsverkehr zu sperren. Im Mai sagte Erich Wallnöfer gegenüber diesem Magazin, so könne es nicht weitergehen. Die Stadtbevölkerung wolle Staus, Abgase und Lärm nicht mehr hinnehmen. Im Juli waren die Stadttore zu.
Auf Südtirols Passstraßen hingegen wird weiterhin Vollgas gegeben. Obwohl seit Frühjahr geplant war, zumindest das Grödner Joch ab 1. September für zwei Monate zu sperren. Im letzten Moment ließ Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider das Pilotprojekt abblasen: Es fehle an Rechtssicherheit, so eines der Argumente, und es seien noch etliche Detailfragen zu klären.
Was läuft da bloß schief?
Seit mehr als 20 Jahren wird über zu viel Verkehr auf den Passstraßen des Landes gestritten. Die Alpenvereine des Trentino und Südtirols forderten die Landesregierungen bereits 2005 dazu auf, dem überbordenden Fahrzeugaufkommen auf den Dolomitenpässen Einhalt zu gebieten. Der Vorschlag lautete damals: Im Sommer sollte der motorisierte Verkehr zwischen 9 und 15 Uhr nur mehr eingeschränkt möglich sein; fahren dürften nur noch Einheimische, Gewerbetreibende und öffentliche Verkehrsmittel.
Zwölf Jahre später schritten Florian Mussner und Richard Theiner zur Tat: Die damaligen Landesräte für Mobilität und Umwelt sperrten das Sellajoch an neun Tagen im Juli und August 2017 für Fahrzeuge mit Brennstoffmotoren. Das Projekt nannte sich „Dolomites Vives“. Es war zwar keine große Revolution, aber ein Anfang.
Mussners Nachfolger Alfreider stampfte das Projekt nach seinem Amtsantritt wieder ein. Und der Mobilitätslandesrat kündigte an, erheben zu wollen, wie es weitergehen könne. Es folgten warme Worte, Zählungen, Studien, kurz, viel Blabla und wenig Konkretes.
Erich Wallnöfer ging die Sache anders an. Er ist Bürgermeister des idyllischen Städtchens Glurns, das jedes Jahr Zehntausende Menschen anzieht. Und mit den Menschen kommt auch viel Verkehr in den Ort: Unzählige Motorräder, Autos und Camper zwängen sich durch die engen Gassen. Kaum noch auszuhalten sei das im Sommer, sagte Wallnöfer im Frühjahr zu ff und kündigte an, im Juli und August die Stadttore für den Durchzugsverkehr dichtzumachen. Aus Gründen der Sicherheit und der Gesundheit. Denn so viele Autos in so einer kleinen Stadt, das könne für das Wohlbefinden der Menschen nicht zuträglich sein.
Wallnöfer zog sein Ding durch. Rundherum gibt es zwar Gebrummel, dass man nun den Verkehr, der nicht mehr durch Glurns darf, abbekomme, doch für seine Gemeinde hat der Bürgermeister sein Möglichstes getan. Seine Leute sind daher, so hört man, auch mehrheitlich zufrieden. Sie bescheinigen dem Bürgermeister Mut und Entschlossenheit.
Mut und Entschlossenheit würde man sich in Sachen Passstraßen auch von der Landespolitik erwarten. Doch vergeblich. Das Pilotprojekt am Grödner Joch ist schon wieder Geschichte – oder zumindest verschoben. Auf das nächste Jahr, auf das übernächste oder auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.
Man fragt sich: Was soll das? Und wünscht sich wieder mehr Handschlagqualität in der Politik. Was angekündigt wird, sollte auch umgesetzt werden. Und wenn man verkehrsberuhigte Passstraßen nicht möchte, sollten die politisch Zuständigen das ehrlich sagen. Sie jahrelang anzukündigen und die Bevölkerung ständig zu vertrösten, ist die schlechteste aller Lösungen. 

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