Leitartikel

Die Kraft der Kompromisse

 

Der Pariser Vertrag und die Autonomie waren ein Sieg der ­Diplomatie über die Gewalt. Vorbildlich. Doch auf vieles braucht es jetzt neue Antworten.

Die Autonomie ist eine Erfolgsgeschichte. Heute besonders bemerkenswert, weil sie gewaltlos errungen wurde, mit der Kraft der Diplomatie. Wie leicht hätte in Südtirol ein Bürgerkrieg entflammen können, als in den Sechzigerjahren die Attentäter versuchten, die diplomatischen Bemühungen von Silvius Magnago & Co. wegzubomben. Noch heute glauben sie, im Recht gewesen zu sein,
Wäre es Ihnen gelungen, hätte Südtirol heute keine Autonomie – und keinen Wohlstand. Und nicht diese Selbstbestimmtheit. In vielen Dingen kann das Land sich selbst verwalten – mit dem Reichtum, den es hat. Anderswo werden Konflikte oft nicht mehr ausverhandelt, sondern mit Gewalt gelöst.
Dass es die Autonomie gibt, ist das Verdienst des Silvius Magnago. Und jener italienischen Politiker, die zwar um jeden Buchstaben feilschten, die aber am Ende die Kunst des Kompromisses beherrschten. Der Pariser Vertrag von 1946 und das Autonomiestatut von 1972 waren schöne Kompromisse.
Am vergangenen Samstag wurde im Kurhaus in Meran der Pariser Vertrag gefeiert, dort, wo einst die SVP um das Paket gerungen hatte – und Silvius Magnago am Ende arschknapp seine Vision von Südtirol durchdrückte. Vielen von seiner Partei war zu wenig, was er ausverhandelt hatte – zum Glück unterlagen sie.
Festakte sind meistens eine schwergängige Angelegenheit, viele Männer in blauen Anzügen, wenige Frauen, klassische Musik, Reden – in diesem Fall von Landeshauptmann Arno Kompatscher, Alexander van der Bellen, österreichischer Bundespräsident, und Sergio Matarella, italienischer Staatspräsident.
Es war die Gelegenheit, viele schöne Dinge zu sagen, Orden zu verleihen, sich selbst zu loben und sich zu zeigen. Die Kameras der Rai fuhren immer wieder die erste Reihe entlang, zoomten auf das zufrieden-gerührte Gesicht des ­Landeshauptmanns.
Es gibt ja auch viele Gründe, zufrieden zu sein. Ein Land, in dem friedlich gestritten wird, eine starke Wirtschaft, fleißige Leute, innovative Unternehmen. Aber eine solche Feier wäre auch eine Gelegenheit gewesen nachzudenken, wie man Autonomie und Land gestalten will. Das hätte ihr Frische gegeben, den Staub von der Geschichte geblasen.
Welche Reformen benötigt eine Autonomie, die darauf angelegt ist, die Sprachgruppen getrennt zu halten, die keine Migranten kennt, keine Schulen, in denen sich die Vielfalt der Gesellschaft abbildet? Heute müssen alle, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, sich für eine Sprache entscheiden, wenn sie in die Schule gehen, die starr am Proporz festhält, unabhängig davon, was jemand kann.
Das sind nur einige der wichtigen Fragen, auf die vor allem die SVP eine Antwort geben muss. Daneben gibt es viele wichtige Themen, deren Lösung man ebenso feiern könnte, wenn sie das Ergebnis einer autonomen (und gemeinsamen) Anstrengung sind: Ungleichheit, niedrige Einkommen, Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern, Umgang mit Minderheiten, Integration der Einwanderer, Übertourismus, Sprachkenntnisse, …Es gibt genug, was autonom zu tun ist. Es müsste eigentlich viel gelingen, bei dem vielen Geld, das autonom verwaltet wird. 

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