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Leitartikel
Die Geister, die ich rief
Die KI erleichtert uns das Leben spürbar. Und könnte es uns schon bald zur Hölle machen. Dagegen helfen nur strenge Regeln. von Karl Hinterwaldner, Vizechefredakteur
Donald Trump schießt den Vogel ab. Die KI, schrieb er in den sozialen Netzwerken, müsse nicht gebremst werden: „Die einzige Kontrolle, die KI braucht, ist ein starker und kluger Präsident mit hohem IQ.“ Und die USA würden genau das „im Überfluss“ haben. Dass der US-Präsident bei der künstlichen Intelligenz nicht den Fuß vom Gaspedal nehmen möchte, liegt an China. Er fürchtet, dass das Riesenreich das Rennen um die KI gewinnt. Und Amerika durch die Finger schaut. Für Trump ist die KI ein zentrales Machtinstrument: Wer über die potenteste KI verfügt, so seine Ansicht, steige zur unangefochtenen globalen Supermacht auf.
Allerdings sind die Warner vor einer zu schnellen Entwicklung der KI diesmal nicht Ewiggestrige oder Spinner – und auch nicht der Papst. Der warnte im Mai vor einer technologischen Entwicklung, die sich vom Gemeinwohl loslöst: KI gehöre kontrolliert, besonders dann, wenn es um öffentliche Güter und Grundrechte geht.
Diesmal warnen die amerikanischen KI-Konzerne selbst vor einer zu raschen Weiterentwicklung ihrer Superintelligenz: Eine selbstlernende und sich selbst verbessernde KI könnte in wenigen Jahren außer Kontrolle geraten. Und im schlimmsten Fall die Menschheit in Gefahr bringen.
Oder zumindest das eigene Bankkonto. Dass eine KI in das digitale System einer Bank eindringen, das Geld abheben und nach unbekannt verschieben könnte, ist längst keine Utopie mehr. Dass sie dann auch noch alle Kontoinformationen löschen und alles so aussehen lassen könnte, als hätte es das Geld und die Transaktionen nie gegeben, auch nicht.
Das sind keine Hirngespinste. Die eigenständigen Hackerangriffe von KI-Modellen auf andere Unternehmen in den vergangenen Monaten zeigen das eindrücklich. Seitdem ist den Herstellern selbst nicht mehr ganz wohl: Denn was passiert, wenn eine KI sich nicht mehr einfangen lässt? Wenn sie macht, was sie will? Schon Dichterfürst Goethe schrieb vor 230 Jahren in seiner Ballade „Der Zauberlehrling“: „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los.“
Die Vorteile der KI liegen auf der Hand. Sie erleichtert die Arbeit, verbessert die Lebensbedingungen und steigert die Produktivität enorm. Wir alle sehen, wozu KI in der Lage ist: Wer etwas nicht weiß, erhält blitzschnell eine Antwort auf seine Frage. Wer ein Bild erschaffen möchte, kann das von einer KI erledigen lassen. Wer Software programmieren will, kann das mithilfe der künstlichen Intelligenz tun. Alles kein Problem.
Haarig wird es aber, wenn KI unseren Lebensalltag mit ihren Daten und Algorithmen beeinflusst. Wenn sie demokratische Prozesse beeinträchtigt. Wenn sie Beschäftigte in bestimmten Branchen überflüssig macht. Oder wenn sie den Menschen das Denken abnimmt – und diese immer dümmer werden. Ganz zu schweigen vom riesigen Energie- und Wasserbedarf, den die KI-Rechenzentren haben.
Was können wir tun, um den Konzernen nicht völlig das Feld zu überlassen? Zum Beispiel die KI mit Bedacht nutzen – und sinnvolle Anfragen stellen; ihr nicht uneingeschränkt Glauben schenken, sondern immer kontrollieren, ob die Ergebnisse tatsächlich stimmen; überlegen, ob man wirklich alles digital haben möchte. Banales Beispiel Haustür: Im Zweifel bietet ein Schlüssel größeren Schutz als jede digitale Eingangshürde, die von einer KI in Sekundenschnelle überwunden werden kann.
Und wir sollten auf klare Regeln drängen, damit die Konzerne nicht tun können, was sie wollen. Die Regierungen der USA und Chinas sind zwar dagegen. Doch ohne Einschränkungen wird es nicht gehen. Das gilt im Straßenverkehr genauso wie auf den Finanzmärkten. Und betrifft erst recht die KI. Wenn wir sie weiterhin beherrschen wollen – und nicht sie uns –, braucht es strenge Regeln.
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