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Politik

Frech und frei

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Lissi Mair
Tierschutz, Obdachlose, „Omas gegen rechts“ – das sind die Steckenpferde von Lissi Mair. Sie ist eine, die einfach macht. © Alexander Alber
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Lissi Mair führt die Südtiroler „Omas gegen rechts“ an. Sie ist eine Frau, die sich durchkämpft und von nichts abschrecken lässt.

Am Tag vor Valentinstag, am 13. Februar um 17.30 Uhr, steht Lissi Mair am Bozner Rathausplatz, umringt von einem Kreis aus knapp 40 Mitstreiterinnen. Einige halten Schilder mit der Aufschrift „Omas gegen rechts“ in die Höhe. Alle zusammen singen sie „Bella ciao“, das Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg, Hymne der Antifaschisten und Linken.

Sie stehen links außen.

Rechts außen stehen Vertreter der neofaschistischen Bewegung Casa Pound. In den Händen halten sie ein Transparent mit der Aufschrift „Le Foibe non sono un opinione“ – „Die Foibe sind keine Meinung“. Schweigend, still.

In der Mitte positionieren sich Carabinieri und Polizisten.

Lissi Mair trägt ihre rot-pinke Strickmütze, das Erkennungssymbol der Omas. Sie hätte sich zur Not auch alleine vor das Rathaus gestellt, wird sie später erzählen. Dieses Mal nämlich sei Andrea Bonazza eindeutig zu weit gegangen. Der Bozner Gemeinderat von Casa Pound hatte den Bürgermeister und mit ihm auch die Partisanenvereinigung Anpi aufs Heftigste beschimpft: – „Io mi vergogno per lei!“ – „Ich schäme mich für Sie“ – Anlass war die Gedenkfeier der Gemeinde zum Tag der Erinnerung an die Foibe-Massaker, an der unter anderem auch die Partisanenvereinigung Anpi mit dabei war. Es ging um die unterschiedliche Interpretation dieser Ereignisse. Jugoslawische Partisanen hatten von 1943 bis 1945 Tausende Italiener aus Istrien und Dalmatien getötet.

„Geben wir diesen Personen wie Bonazza doch bitte nicht zu viel Wichtigkeit“, wiegelten einige Mitstreiterinnen ab. Aber Lissi Mair vertraute auf ihr Bauchgefühl, und dieses sagte: Es ist wichtig, hier ein Zeichen zu setzen. Am Ende kamen nicht nur die Omas, sondern auch Vertreter der Linken und der Jungen Grünen. Es sind Aktionen wie diese, mit denen sich die „Omas gegen rechts“ in Südtirol bemerkbar machen. „Wir haben kein Programm im klassischen Sinn“, sagt Lissi Mair. „Aber wir sind da, wenn etwas passiert. Als Mahnung quasi. Alles sehr spontan.“

Die 59-Jährige selbst beschreibt sich als jene, die bei den Omas „die Fäden zieht“. Ihr gefällt die Bezeichnung „Sprecherin“ nicht, schließlich sei sie nicht „gewählt“. Irgendwann hätten einige Omas sie gebeten, „bitte sei doch wenigstens unsere Koordinatorin“.

Die „Omas gegen rechts“, das muss man vielleicht nicht mehr erklären, ist eine überparteiliche Initiative, die im November 2017 gegen die türkis-blaue Regierungskoalition in Österreich gegründet wurde und gegen Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Faschismus kämpft. Rote Strickmütze auf dem Kopf, Bottons und Schilder mit „Omas gegen rechts“ in der Hand, so treten sie auf, wenn ihnen etwas nicht passt.

Mittlerweile nicht mehr nur in Österreich. Es gibt jetzt auch sehr viele Regionalgruppen in Deutschland. Selbst die New York Times porträtierte 2019 die österreichischen Omas. Seit einem Jahr gibt es auf Facebook auch eine internationale Gruppe: „Grannies against the right-wing parties in Europe“. Monika Salzer, die Gründerin der „Omas gegen rechts“, sagt: „Frauen auf der ganzen Welt leiden unter den politischen Maßnahmen rechter Regierungen, sie wollen Veränderung.“

Ähnliches sagt Lissi Mair: „Unter unseren Omas gibt es sehr viele Frauen, die ihr ganzes Leben lang still waren. Jetzt aber wollen sie nicht mehr still sein.“ Anfangs, so Mair, sei man noch von vielen belächelt worden, unterschätzt, als nette Omas von nebenan abgetan. Inzwischen werde man ernst genommen.

Ein Februarmorgen im Bozner Café Laurin, in bester Lage direkt neben dem Bahnhof gelegen. An jedem 30. im Monat treffen sich hier auch die Omas. Lissi Mair – grünes T-Shirt, schwarzer Blazer, am Revers steckt ein Button der Flüchtlingshelferin Ute Bock, Hund Artur liegt zusammengerollt zu ihren Füßen. Sie tritt so auf, wie sie spricht – zu allem entschlossen. Die 59-Jährige verkörpert vieles. Sie ist Tierschützerin, Journalistin in Rente, Tabubrecherin, Helferin der Obdachlosen, Frauenrechtlerin, Kämpferin gegen jede Form von Diskriminierung, Aktivistin. Als Koordinatorin der „Omas gegen rechts“ will sie älteren Damen eine Stimme geben, sie politisieren.

Lissi Mair ist es von Klein auf gewohnt, sich durchzukämpfen – oft gegen viele Widerstände. Mit zweieinhalb Jahren ist sie von ihrer Mutter hergegeben worden – an deren ältere Schwester, ihre Tante. Wahrscheinlich, sagt sie heute, habe sie das früh selbsständig werden lassen. Dieses Aufwachsen sei eine starke Triebkraft für ihren Werdegang.

Sie ist in Innichen aufgewachsen, war viel im Gasthaus ihrer Tante, führte dieses auch eine Zeit lang, als diese erkrankte. Sie spielte beim Theater und half mit, das Jugendzentrum aufzubauen. Mit 25 Jahren packte sie ihre Sachen. „Wenn nicht jetzt, dann komme ich hier nie weg“, dachte sie. Sie wurde Geschäftsführerin des Bundes der Südtiroler Volksbühnen, heute Südtiroler Theaterverband. Rund sieben Jahre lang arbeitete sie dort, dann wurde sie entlassen, von einem rein männlichen Vorstand, wie sie erzählt, weil sie angeblich zu viel verdient hätte.

Lissi Mair ist ein offener Typ, der schnell Anschluss findet. Sie redet mit jedem, ganz ohne Scheu. Als ihre Kinder auf die Welt kamen, heute 24 und 22, hörte sie auf zu arbeiten. Sie begann, sich in ihrer neuen Heimat, Neumarkt, anders zu engagieren. Spielte bei den Freilichtspielen mit. Gründete – hochschwanger – gemeinsam mit zwei anderen Frauen den Verein Ennemase. Das historische Dorfzentrum wollte man beleben, unter anderem mit einem Flohmarkt.

Begeisterungsfähig. Hartnäckig. Gesellig. So beschreibt sie sich. „Mich haut so schnell nichts um“, sagt sie. Sie ist eine, die einfach macht.

Ein politisches Amt hatte Lissi Mair nur einmal inne: Für knapp drei Jahre saß sie als Nachrückerin im Neumarkter Gemeinderat für die Liste „Insieme Miteinander“, das war von 2007 bis 2010. In den vergangenen Jahren war sie von den Grünen und auch der Linken für diverse Kandidaturen gefragt worden. Sie hat immer dankend abgelehnt. „Ich bin ein politisch denkender Mensch“, sagt sie. Aber mit einem Mandat hätte sie „keine Handlungsfreiheit mehr gehabt. Mit den Omas kann ich da mehr bewirken“.

Lissi Mair besitzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Die österreichische Geschichte interessiert sie sehr. Als 2017 der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ einging, schüttelte sie nur fassungslos den Kopf. Als sie das erste Mal von der Initiative „Omas gegen rechts“ hörte, war sie auf Anhieb begeistert: „Ich fand sie witzig, frech und wichtig.“ Also gründete sie gemeinsam mit Waltraud Staudacher (Theatermacherin, Radiosprecherin), Helga von Aufschnaiter (langjährige Präsidentin des Künstlerbundes) und Birgit Schatz (Rechtsanwältin) kurzerhand eine Südtiroler Gruppe. „Wir sind eine offene Plattform, kein Verein“, sagt Lissi Mair. Mitmachen kann jeder, eine Altersgrenze gibt es nicht, auch Enkel sind keine Voraussetzung, um mitmachen zu dürfen. „Wir müssen vielfältig bleiben“, sagt Mair. Und: „Uns vereint das gemeinsame Bekenntnis gegen Rechtsextremismus und für die parlamentarische Demokratie.“

Lissi Mair ist im familiären Sinne noch keine Oma. Seit sie im frühzeitigen Ruhestand ist, macht sie nur noch das, was sie wirklich interessiert. Sie kämpft für Tierrechte, setzt sich für Obdachlose ein, koordiniert die Omas. Und studiert Philosophie an der Theologischen Hochschule in Brixen. Fragt man sie, was sie antreibt, sagt sie: „Vielleicht ist es die Angst. Die Angst auch vor dem Tod.“ Am 3. November wird sie 60, da frage man sich: Wie lange kann ich noch gut leben?

Vor einigen Tagen war Lissi Mair in Wien. Dort stellte sie sich mit anderen „Omas gegen rechts“ vor den Hauptbahnhof. Aus Anlass des Frauentages.

In Südtirol organisieren die Omas in Bälde einen Infoabend zum Thema Wolf. Gegen rechts sein, sagt Mair, heiße mehr als gegen Salvini oder Casapound zu sein. „Rechts ist mehr. Das ist zum Beispiel auch mangelnde Transparenz.“

Am Ende des Gesprächs schiebt Lissi Mair einige Buttons mit „Omas gegen rechts“ über den Tisch. Zum Verteilen. Zum Anstecken. Auch ein Buch als Empfehlung hat sie mitgebracht, von Monika Salzer: „Warum wir für die Zukunft unserer Enkel kämpfen“. Darin findet man auch das Lied der Omas, der Refrain geht so: „Omas, Omas, / Uns braucht das ganze Land, / Wir kämpfen für die Kinder/ Und machen Widerstand. / Omas, Omas, / Die Wölfe dieser Welt / Verkaufen uns’re Zukunft / Heut schon für das große Geld.

Mittlerweile sind die Gemeindewahlen auf einen noch zu bestimmenden Termin verschoben worden.

Leserkommentare

2 Kommentare
OMA aus Umzu
12. März 2020, 20:39

Was für ein wunderbarer Artikel - vielen Dank dafür! Und vielen Dank für Freistellung des Artikels - wir haben ihn auf unserer Seite geteilt: https://www.facebook.com/Omasgegenrechtsdeutschland/?__tn__=kC-R&eid=ARA_It6_s-gvFcBVwdUmFpKKZiAEaIGqS68FxdcRbXEHMICpmg1a5gOvmVzJ9yqRBEIaybRceuSusYb2&hc_ref=ARSMAOVUJwZEcvp6Av8104UzM9KPrZ4evFfCrBpo6VOMWjuv-5O0plfX6rL6CaSI0tQ&fref=nf&__xts__[0]=68.ARDt5XGpcEK0kr4VWBkzp_BQlWxxAZhTnVR111BMJvwg9gc5tFGLHJ-m-mYO3ziHU8_Cvv_-UUUUk0uCJKrDS80MSjX-ql9jzI9KmdE_XYpaWeTECj1I3AxSlX0OnvBnhGk1nk1XuEsTin4Uw2ta8iMpwoKxCxI8xVveaQdY3gjakMadBPRdjffRmEdV1ZzsuZEC1ALoedAS4lQBHxQnlRQ_lHFteVRzqvcFtYI_RxZoQJzJk39pM9lJv_YaMUfdE9Fv3oJok3OCt74L5qXuC6c_na4ITUMBlmuc8xThzZpC4HJPlXK9BeaovFrCviA-fxGRXXKECnb-zA40aZEg6hA antworten

OMA aus Umzu
13. März 2020, 10:54

Infos zu dem OMAS in Deutschland gibt es auch hier: www.omasgegenrechts-deutschland.de https://omasgegenrechts-deutschland.de/ antworten

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