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Politik

„Der rote Otto fehlt uns“

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Otto Saurer
Otto Saurer (1943–2020) als er noch Landesrat war: Hat die Berufs­bildung auf ein höheres Niveau gestellt. © Alexander Alber
 

Otto Saurer war ein Landesrat mit Visionen und klaren Zielen. Vor allem in der Berufsbildung. Ein Nachruf der Südtiroler Berufsschuldirektorinnen.

Otto Saurer hat früh erkannt, dass das Bildungssystem sich auf neue Herausforderungen in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft einstellen muss. Um den Menschen berufliche und persönliche Perspektiven zu eröffnen, brauchte es eine Bildungsoffensive, die Menschen aller Altersstufen im Lande eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Bildung auf allen Ebenen ermöglicht.

Die berufliche Bildung war der erste Zuständigkeitsbereich, den Otto Saurer als politischer Verantwortlicher zu gestalten hatte. Die berufliche Bildung hat in Italien bis weit in die Neunzigerjahre kaum eine Rolle gespielt. Auch in Südtirol galt sie lange als Bildung zweiter Ordnung.

Landesrat Saurer wollte die Berufsbildung als eigenständigen, gleichwertigen Bildungsstrang etablieren. Gleichwertig kann ein Bildungsstrang aber nur sein, wenn er auch zu gleichwertigen Abschlüssen führt, daher das weitsichtige Bestreben Saurers, den jungen Menschen, die in der Berufsbildung waren, den Zugang zur Matura zu ermöglichen. Der erste Schritt war die Vorlage eines Grundsatzbeschlusses im Jahre 1996 – im Bewusstsein, dass der Weg bis zur Realisierung ein weiter sein würde.

Zeitgleich versuchten einzelne Schulen notgedrungen – vom Landesrat dabei still unterstützt – inzwischen „auf Umwegen“, die Schülerinnen auf die Matura außerhalb des Landes vorzubereiten.

Vorrangige Aufgabe der Berufsbildung war und ist es, jungen Menschen berufliche Orientierung zu bieten, Grundausbildung zu ermöglichen und sie durch eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu kompetenten Fachkräften optimal auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Darüber hinaus wurden Angebote für Spezialisierung, Höherqualifizierung und berufliche Weiterbildung für Arbeitnehmer und Selbstständige geplant und realisiert. Dafür brauchte es Strukturen, Klassenräume, Werkstätten mit entsprechender Ausstattung. Für alle Berufsschulen in seinem Amtsbereich hat Landesrat Saurer für die Planung, für den Neubau oder die Adaptierung bestehender Strukturen die notwendigen Maßnahmen gesetzt.

Auch die Ausbildung der Lehrpersonen und der Führungskräfte war ihm ein großes Anliegen.

Berufsschulen haben es mit verschiedenen Zielgruppen zu tun: von Fachschülerinnen und Lehrlingen mit klaren Zielen bis hin zu Maturantinnen, von Jugendlichen mit besonderen Ausbildungsbedürfnissen bis zu den Migrantinnen, von Arbeitslosen, die eine Umschulung benötigen, bis hin zu erwachsenen Arbeitnehmerinnen und Selbstständigen, die sich beruflich weiterbilden.

Otto Saurer förderte Kooperationen mit Fachleuten aus dem Ausland, besonders aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Er forderte von seinen Mitarbeiterinnen in den Schulen und in der Abteilung, dass sie sich über die Entwicklungen in der internationalen Berufsbildung informierten und diese lokal umsetzten. Anlässe dazu waren Studienfahrten und der Besuch internationaler Kongresse, bei denen wertvolle Netzwerke entstanden.

Auch national musste immer wieder überzeugt werden und auf die Besonderheiten der Berufsbildung hingewiesen werden. Otto Saurer hatte selbst immer gute Kontakte zu den jeweiligen Ministern und lud sie nach Südtirol ein, um ihnen unsere Schulen und unser System zu zeigen und nahezubringen. Die Südtiroler Berufsbildung hatte und hat in Rom einen guten Ruf, und manches wurde – wenn auch in etwas anderer Form – von Rom übernommen. Otto war ein überzeugter Verfechter der autonomen Befugnisse des Landes im Bildungswesen. Er hat beispielsweise die Kompetenz des Landes zur Errichtung von Fachhochschulen als Teil der Berufsbildung gesetzlich verankert.

Sehr am Herzen lag Otto Saurer die Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden und den Sozialpartnern. Ob es um die Planung von neuen Lehrgängen oder um Ausbildungsordnungen bei der Lehrlingsausbildung ging, immer war dem Landesrat die Zusammenarbeit und die Einbindung der Sozialpartner und Berufsverbände wichtig.

Landesrat Saurer hat die Eingliederung der Lehrlingsausbildung in das Bildungsressort bereits vor vielen Jahren gefordert. Das war ein wichtiges Signal, um zu unterstreichen, dass das Lehrverhältnis ein Ausbildungsverhältnis ist.

Die Berufsschulen sollten nach den Vorstellungen von Saurer Impulsgeber für die jeweilige Region sein. Sie sollten Ansprechpartner und Berater für die Betriebe sein, und jede Berufsschule sollte in einem bestimmten Bereich als Kompetenzzentrum fungieren.

Als große lernende Organisation sah Otto Saurer sein eigenes Ressort, die Abteilung, Ämter und Schulen. Diese kann nur wachsen und gedeihen, wenn sie ein Leitbild, klare Zielvorstellungen und Visionen hat, und wenn alle Mitarbeiterinnen sich aktiv einbringen, voneinander und miteinander lernen, und gemeinsam über das Erreichte reflektieren. Die Organisation muss das vorleben, was sie von ihren „Kunden“ erwartet.

Landesrat Saurer hat seinen Mitarbeiterinnen in der Verwaltung und uns Schulführungskräften viel Vertrauen entgegengebracht. Er hat uns zugehört und unsere Vorschläge, Probleme und Anliegen ernst genommen. Er hat uns viel Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Dieses Vertrauen war für uns Auftrag und Motivation, die Aufgaben, die uns gestellt waren, möglichst gut zu erfüllen. Das erwartete der Landesrat von uns.

Noch eine menschliche Eigenschaft Otto Saurers muss erwähnt werden: Seinen Humor setzte er häufig als Führungsinstrument ein. Humor war bei ihm nicht die Fähigkeit, da und dort aufgesammelte Witze zu erzählen, sondern die Begabung, durch eine witzige, treffende Bemerkung oder einen Spruch, Heiterkeit auszulösen, die Kommunikation zu erleichtern, einen Konflikt zu entschärfen, eine Situation zu entdramatisieren, auch einmal einen Fehler als Mittel der Erheiterung zu benützen.

Der rote Otto fehlt uns.

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