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Politik

Sie mögen sich, sie streiten sich

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Die Brachetti-Brüder
Kurz vor dem Showdown: Die Brachetti-Brüder diskutieren gerne laut, leidenschaftlich und lange. © Alexander Alber
 

Treffen sich Thomas und Peter Brachetti auf ein Bier, dann wird es laut. Die Brüder teilen eine Leidenschaft: die Politik. Thomas ist ein Grüner, Peter ein Patriot. Streit ist da vorprogrammiert.

Thomas und Peter Brachetti haben zwei Sachen gemeinsam: ihr Interesse für Politik und ihre Eltern. Ansonsten sind die Brüder ein ungleiches Paar. Thomas war Judokämpfer, Peter Sprinter. Der eine trägt die Haare lang, der andere kurz. Thomas engagiert sich bei der Umweltgruppe Bozen, Peter ist Zugleutnant bei der Schützenkompanie Bozen. Thomas singt gerne Bella Ciao, Peter das Andreas-Hofer-Lied. Thomas sitzt für die Grünen/Projekt Bozen im Stadtviertelrat Zentrum, Peter ist Sprecher der Südtiroler Freiheit für Bozen Stadt und Land. Sie mögen sich, sie streiten sich. Auch beim ff-Gespräch auf dem Gummerhof der Familie Malojer.

Thomas Brachetti: Wir haben ausgemacht, heute nicht zu fluchen.

Wann wart ihr das letzte Mal gemeinsam auf ein Bier?

Peter Brachetti: Vorgestern.

Thomas: Wir treffen uns jede Woche ein-, zweimal auf ein Bier.

Peter: Und dreimal die Woche essen wir bei unseren Eltern zu Mittag.

Gibt’s zum Mittagessen immer Politik?

Peter: Manche Themen sprechen wir mittags gar nicht mehr an, sonst ist die Mittagspause nicht mehr fein.

Thomas: Wir vermeiden es, zu Hause über Politik zu sprechen.

Freunde von euch sagen, ihr könnt ganz schön anstrengend sein. Wer ist schlimmer?

Peter: Er, weil er nicht mehr aufhört.

Thomas: Er, weil er der Sturere ist.

Peter: Die Sturheit ist gleich verteilt, du rückst auch nicht gerne von deiner Meinung ab.

Thomas: Ich sage ja auch das Richtige. Sobald du in Bedrängnis kommst, blockst du ab.

Peter: Du glaubst, du hast die Wahrheit gepachtet, aber es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß, es gibt Grautöne. Bei gewissen Themen müssen wir die Diskussion unterbrechen.

Bei welchen?

Thomas: Wenn es darum geht, dass sich der Peter als österreichische Minderheit fühlt und ich nicht.

Peter: Da gibt es nichts mehr zu
diskutieren, du bist eben anderer Meinung als ich. Aber es gefällt dir, zu provozieren.

Wie politisch ist eure Familie?

Peter: Unsere Familie ist nicht politisch. Unsere Eltern haben uns keine Vorgaben gemacht, für sie liegt die Wahrheit in der Mitte. Österreich oder Italien, das war nie ein Thema.

Und wen von euch wählen sie?

Thomas: Mich natürlich.

Peter: Die wählen keinen von uns.

Wird es bei euch oft laut?

Thomas: Meistens. Ohne Leidenschaft geht nichts.

Peter: Thomas hat ein lautes Organ. Aber ja, es braucht Leidenschaft.

Thomas: Wir können Stunden über eine Frage streiten. Ich erinnere mich noch an unsere erste große Diskussion, da ging es um die Koalition zwischen Schüssel und Haider (die erste schwarz-blaue Regierung in Österreich, 2000, Anmerkung der Redaktion).

Peter: Ich erinnere mich auch, das war im Wohnzimmer. Um es klar zu sagen, ich bin absolut kein FPÖ-Fan, aber ich war und bin ein Anhänger einer wertekonservativen Regierung.

Thomas: Die FPÖ ist keine demokratische Partei. Du sagst das auch über die Linken in Deutschland, für mich gibt’s da einen Unterschied.

Peter: Von wegen Unterschied! Was die für Aussagen machen, „ein Prozent der Reichen soll niedergemetzelt werden“.

Thomas: „Niedermetzeln“ hat keiner gesagt.

Peter: Das findest du jetzt wieder lustig! Ich bin absolut kein Höcke-Anhänger, aber wenn der so etwas sagen würde ... Linksaußen und die Rechten in der AFD, da gibt es keinen Unterschied mehr, da steht kein humanistischer Gedanke dahinter. Du belächelst das.

Thomas: Nein, ich belächle das überhaupt nicht.

Bist du ein Linker?

Thomas: Absolut.

Bist du ein Rechter?

Peter: Für mich gibt es weder links noch rechts, ich bin wertekonservativ.

Hauptsache Tirol.

Peter: Tirol ist für mich wichtig, dieses schöne Landl mit all seinen Traditionen und Werten ist zu erhalten.

Thomas: Der Peter tut sich mit der Suche nach seiner Identität sehr leicht. Alle Probleme liegen unterhalb von Salurn. Für mich ist die Sache etwas schwieriger. Ich fühle mich in erster Linie als Bozner, dann als

Südtiroler, dann als Italiener, dann als Weltenbürger.

Ihr engagiert euch beide in der Gemeindepolitik, was sind die großen Themen in Bozen?

Peter: Der Verkehr, wir laufen auf einen Kollaps zu. Auch die ganze Problematik mit der Ausländerpolitik. Bitte nicht falsch verstehen, ich meine die Ausländer, die seit 2015 teilweise illegal da sind, auch für sie ist das eine prekäre Situation. Auch die Sicherheitspolitik ist wichtig, und das Soziale. In Bozen warten 250 bis 300 Senioren auf einen Platz im Altersheim.

Thomas: Ausländer und Sicherheit sind ein Thema. Ich weigere mich aber, von einem Ausnahmezustand zu sprechen, weil 20 Leute im Bahnhofspark Drogen verkaufen. Die Rechten putschen das sehr auf und du mischt da gut mit, Peter. Ihr positioniert euch immer weiter nach rechts.

Peter: Wir sind weder rechts noch links, sondern Patrioten. In 40 Jahren soll es in Bozen noch Tiroler Traditionen geben, ich möchte nicht, dass meine Kinder oder Neffen in einer rein italienischen Stadt leben. Das ist mir ganz wichtig.

Thomas: Da sieht man den Unterschied. Ich wünsche mir für mein Kind ein Bozen, in dem die Sprachgruppen zusammenwachsen. Ich habe keine Angst, dass die deutsche Minderheit in Bozen von den Italienern überrumpelt wird.

Dein Bruder hat mal über die „grünen Utopisten“ geschimpft, die in Bozen ein Diesel-Fahrverbot haben möchten. Bist du einer dieser Utopisten?

Thomas: Nein. Ich bin auch gegen das Fahrverbot, da sind wir gleicher Meinung. Das Verbot ist keine Lösung, eine Lösung sind öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder das Zufußgehen.

Peter: Ich bin gegen Verbote. Von mir aus sollen sie auf der Autobahn bei Bozen Süd und Bozen Nord ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern einführen. In Nordtirol haben sie gesagt, dass das Stickstoffdioxid reduzieren soll. Wir müssen kleine Schritte machen.

Was für Schritte macht ihr durch den Bahnhofpark?

Thomas: Ich bin ein paar Mal mit einem Freund in der Nacht zum Bahnhofpark gegangen, weil es immer heißt, da sind überall Schwarze, überall Vergewaltiger. Da ist keiner in der Nacht. Am Tag werden aber Drogen verkauft, die Leute sind besoffen, sie sind high, Frauen wird oft nachgepfiffen, das ist nicht fein. Die Leute brauchen eine Perspektive, damit sie von den Drogen wegkommen, da muss man auch die Sozialdienste einspannen.

Peter: Ich habe keine Angst, durch den Bahnhofpark zu gehen, ich bin ein Mann, mir passiert da nichts. Aber du wirst dauernd wegen Drogen angesprochen, ich habe zweimal die Carabinieri gerufen, weil mir das auf die Nerven geht. Die einzige Antwort, die ich bekommen habe, war, ich solle mir einen anderen Weg suchen. Wir geben Plätze auf und lassen der Gewalt freien Lauf. Hinter dem Stadttheater wird am helllichten Tag eine Person niedergestochen, und die Ordnungshüter müssen den Täter gleich wieder freilassen.

Ist die Ausländerfrage bei euch oft ein Thema?

Thomas: Sehr oft. Du wirfst mir immer vor, dass ich auf dem Auge blind bin.

Peter: Bist du auch.

Thomas: Ich wehre mich, Bozen als gefährliche Stadt zu bezeichnen. Dafür bin ich zu viel gereist.

Peter: Du siehst es ja auch als Bereicherung, dass viele Nationen zusammenleben.

Thomas: Absolut.

Peter: Ich sehe das nicht so.

Du hast mal ein „buntes Bozen“ gefordert, Thomas.

Thomas: Ich bekenne mich zu meinen Südtiroler Wurzeln. Aber gerade weil ich ein Stadtler bin, sehe ich jede neue Kultur als Bereicherung. Ich sehe es als Bereicherung an, wenn ich in eine Bar gehe, in der albanische Musik gespielt wird, weil sie von Albanern geführt wird. Ich empfinde es als Bereicherung, wenn ich einen Kebab essen kann, und der Schützenbund macht mir keinen Kebab, dafür brauche ich einen Türken oder einen Kurden.

Peter: Ich brauche diese Vielfalt in Südtirol nicht.

In diesem Punkt kommen wir nicht weiter.

Thomas: Wie so oft.

Wirst du bei den Gemeindewahlen kandidieren?

Peter: Die Südtiroler Freiheit kandidiert in Bozen nicht.

Warum nicht?

Peter: Die deutschsprachigen Stimmen muss man in Bozen bündeln. Vor vier Jahren haben wir kandidiert, weil wir mit der politischen Position von Baur nicht d’accord waren (SVP-Spitzenkandidat Christoph Baur, Anmerkung der Redaktion). Beim Walcher-Luis sehen wir uns gut aufgehoben und verzichten auf eine eigene Kandidatur.

Mitte Januar schreibst du in einer Pressemitteilung: „Ich erachte die Präsenz der Südtiroler Freiheit vor allem in hauptsächlich italienisch bevölkerten Gebieten als wichtig.“ Meinung geändert?

Peter: Damals wussten wir auch noch nicht, dass der Walcher-Luis kandidiert.

Machen wir einen Wortrap: Ich nenne einen Begriff, und ihr sagt einen Satz dazu. Benko.

Thomas: Ausverkauf von Bozen.

Peter: Ein Stadtviertel wird aufgewertet.

Frauenquote.

Peter: Absolut dagegen, total sinnlos. Thomas: Wir brauchen gute Männer und gute Frauen, keine Quote.

Doppelte Staatsbürgerschaft.

Thomas: In einem vereinten Europa nicht sinnvoll.

Peter: Für uns Südtiroler wäre das eine emotional wichtige Sache.

Fridays for Future.

Peter: Selten so einen Blödsinn gesehen, das ist eine Sekte.

Thomas: Ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Flughafen Bozen.

Thomas: Für Bozen nicht erforderlich.

Peter: Ich war immer für den Flughafen, aber nicht, wie er jetzt gestaltet wird.

Selbstbestimmung.

Peter: Südtirol müsste die Möglichkeit haben, selber darüber abzustimmen, wofür es steht.

Thomas: Die Streitbeilegung hat die Selbstbestimmung überflüssig gemacht.

Ethnischer Proporz.

Thomas: Zurzeit leider nicht überwindbar. Er sollte in bestimmten Bereichen aber etwas gelockert werden, etwa in der Sanität. Und ich wünsche mir, dass künftig nicht mehr zählt, welcher Sprachgruppe man angehört.

Peter: Der ethnische Proporz ist Südtirols größte Errungenschaft. Wenn wir daran nur minimal zweifeln, wird unsere Volksgruppe untergehen, wir machen da momentan Riesenfehler.

Clil-Unterricht, also die Vermittlung von Sachfächern in einer anderen Sprache.

Peter: Wir haben nur eine Chance: einsprachiger Unterricht und Erlernen der Fremdsprache, in unserem Fall ist das Italienisch.

Thomas: Clil ist keine Lösung. In der Stadt braucht es Punkte, an denen sich die Sprachgruppen treffen, es bräuchte mehr sprachgruppenübergreifende Vereine.

Schützen.

Thomas: Als Traditionsverein sinnvoll, als politischer Verein kontraproduktiv.

Peter: Ein toller Verein, der sich für den Erhalt der Tiroler Werte einsetzt.

Filippo Maturi.

Peter: Ein Abgeordneter in Rom, ansonsten kenne ich ihn nicht. Mit denen habe ich nicht viel zu tun.

Thomas: Ein politischer Opportunist.

Familie.

Thomas: Wichtig.

Peter: Die Keimzelle der Gesellschaft.

Habt ihr als Kinder schon gestritten?

Peter: Er hat mich vom Stockbett runtergeworfen.

Thomas: Seitdem ist er nicht mehr imstande, einen klaren Gedanken zu haben. Beide lachen.

Was hältst du von der politischen Einstellung deines Bruders?

Thomas: Ich unterscheide zwischen Einstellung und Person. Ich bin politisch fast in allem konträrer Meinung, aber ich schätze seine Leidenschaft.

Peter: Das sehe ich genauso.

Geht ihr euch nicht auf die Nerven?

Peter: Dann würden wir uns nicht jede Woche auf ein Bier treffen.

Thomas: Manchmal ist es schon sehr mühsam, wenn er in meinem Umfeld ist oder ich in seinem bin. Ich bin oft stuff von diesem konservativen Geplappere. Wären wir nicht Brüder, würden wir uns nicht so oft treffen.

Peter: Du wirst mir manchmal auch zu anstrengend, wenn du nicht mehr von einem Thema abrückst.

Thomas: Wir sind beide „sanguinari“, wir haben einen italienischen Charakter.

Peter: Sprich du für dich.

Woher stammt der Name Brachetti?

Thomas: Unsere Familie ist ein Bindeglied zwischen den Kulturen, Tirol war immer ein Vielvölkerstaat, aber mein Bruder will das nicht hören.

Peter: Wir kommen aus Ala, dem südlichsten Teil des historischen Tirol. Der Thomas weiß das gar nicht.

Wer von euch beiden soll das letzte Wort haben?

Keiner antwortet.

Danke fürs Gespräch.

Peter geht in den Innenhof raus, um eine Zigarette zu rauchen. Thomas will ihm folgen, dreht sich dann aber doch noch kurz um und sagt: „Auch wenn er es nicht hören will. Brachetti ist kein Wiener Name, wir stammen aus der Lombardei.“

weitere Bilder

  • Thomas und Peter Brachetti

Thomas Brachetti, 43, ist Oberschullehrer für Naturkunde. Er hat in Bologna studiert, die Stadt ist eine politische Schule, „wenn man links ist“, sagt er. Und er versteht sich als Linker. Brachetti sitzt für die Grünen/Projekt Bozen im Stadtviertelrat Bozen Zentrum.

Peter Brachetti, 41, ist Physiotherapeut. Der Vereinsmensch engagiert sich bei der Schützenkompanie Bozen und bei der katholischen Oberschulverbindung Laurins Tafelrunde. Brachetti ist außerdem Sprecher der Südtiroler Freiheit für Bozen Stadt und Land

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