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Politik

Balancieren am Abgrund

Aus ff 12 vom Donnerstag, den 19. März 2020

Pressekonferenz
Gesundheitslandesrat Thomas Widmann: „Vor zwei Wochen hat man uns, die starke Maßnahmen gefordert haben, nicht ernst genommen, ich bin ­tagelang beschimpft worden.“ © Alexander Alber
 

Ohne drastische Einschränkung unseres Alltags lässt sich das Coronavirus nicht mehr bremsen. Gesundheitslandesrat Thomas Widmann erklärt, warum er trotzdem optimistisch ist, redet aber auch über Versäumnisse.

Das Interview findet am Telefon statt und beginnt mit einer knappen Stunde Verspätung. Es gab kurzfristig eine dringende Sitzung mit Landeshauptmann Arno Kompatscher und Zivilschutzlandesrat Arnold Schuler. Ganz neue Dokumente mussten ausgetauscht werden. Das wäre in diesem Fall nicht anders als persönlich gegangen, sagt Thomas Widmann. Der Landesrat hat zurzeit einen leeren Terminkalender – abgesagt sind alle politischen Veranstaltungen, Termine, Sitzungen. Das ganze Land ist jetzt im Coronastress, auch der Landesrat für Gesundheit. Sein Terminkalender wird nun von diesem kleinen Teilchen namens Covid-19 bestimmt.

Es ist Freitag Mittag, es gibt mittlerweile zwei Coronatote in Südtirol. 125 Personen wurden bislang positiv getestet. „Die Ereignisse überrollen uns“, sagt Widmann. Was in diesem Moment gilt, kann in der nächsten Stunde schon völlig überholt sein. „Die Tiroler“, sagt er, „sind tolle Leute, aber halt auch recht sture Leute.“ Jeder glaube, ihn persönlich werde es schon nicht treffen. Treffe es jemanden dann doch, würden viele panisch werden.

ff: Herr Landesrat, wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Thomas Widmann: Ich wasche mir jetzt sehr viel regelmäßiger die Hände. Ich wische die Türklinken öfters ab, auch die Tischoberflächen. Ich halte eineinhalb Meter Abstand zu anderen Personen, steige Treppen anstatt den Lift zu benutzen. Alles leicht umsetzbare Vorsichtsmaßnahmen.

Und wie sieht die politische Arbeit zurzeit aus?

Wenn es unbedingt notwendig ist, treffen wir uns für Sitzungen in größeren Räumen mit weniger Personen. Ansonsten gibt es regelmäßige Updates mit dem engen Team – via Handy, Tablet oder Computer. Wir können ja nicht den Menschen Wasser predigen und selbst Wein trinken.

Trotzdem ist man als Politiker, gerade als Gesundheitslandesrat, auch in dieser Zeit ständig unterwegs und in Kontakt mit anderen Menschen.

Stimmt. Aber ich kann nicht alles von zu Hause aus erledigen. Ich wurde getestet, weil ich Kontakt mit vielen Personen habe, ich niemanden anstecken will und es von daher sinnvoll war.

Vor über einer Woche hat die italienische Regierung das gesamte Land, auch Südtirol, zur Sperrzone ernannt. Die Menschen sollen ihre
Häuser nicht verlassen. Zu Recht?

Das ist absolut in Ordnung so. Für besondere Krisengebiete wie beispielsweise die Lombardei kam diese Einschränkung eindeutig zu spät. Ich hoffe und wünsche mir, dass es für Südtirol der richtige Zeitpunkt war.

Könnte es noch strengere Maßnahmen geben?

Wir hier versuchen, einige Maßnahmen strenger zu handhaben – indem wir noch vehementer dazu aufrufen, tatsächlich zu Hause zu bleiben. Wenn man sich Bilder und Videos von süditalienischen Städten anschaut, hat man den Eindruck, dort geht das Leben fast normal weiter. Das ist das große Problem Italiens: Es gibt zum Teil strengere Regeln als im Rest Europas, aber es hapert meist bei der Umsetzung und der Kontrolle.

Sie glauben an das Verantwortungsbewusstsein und die Solidarität der Südtiroler?

Ja. Ich habe schon das Gefühl, dass die Bevölkerung die Sache mittlerweile ernst nimmt und sich diszipliniert verhält. Vor zwei Wochen hat man uns, die starke Maßnahmen gefordert haben, nicht ernst genommen, ich bin tagelang beschimpft worden.

Die Einstufung Südtirols als Risikogebiet durch das Robert Koch-Institut hat im Land große Kritik hervorgerufen – von Tourismustreibenden, selbst vom Handelskammerpräsident.

Ich bin von vielen Freunden und Bekannten aus der Tourismusbranche kritisiert und beschimpft worden. Mittlerweile aber haben auch diese Personen verstanden, dass wir hoffentlich noch zeitgerecht gehandelt haben.

Wann haben Sie das erste Mal gedacht, dass man hier was tun müsse?

Das Problem zu Beginn war, dass wir keine richtigen Indizien hatten. Wenn ein Tourist, der auf der Biathlontribüne in Antholz war, auf Covid-19 getestet wurde – wen will man da testen, außer die Menschen im Hotel und in der unmittelbaren Umgebung, wo er urlaubte und sich aufhielt? Das ist alles schwer nachzuverfolgen. Jetzt sind wir auf dem richtigen Weg, das ist das Wichtigste. Diese vergangene Woche war bislang sicher die schwierigste.

Und trotzdem scheint noch eine lange und auch schwierige Strecke vor uns zu liegen.

Kann sein, muss aber nicht sein. Wenn jetzt wirklich alle Südtiroler zu Hause bleiben, sich an die Verhaltensregeln halten, dann ist die Krise in wenigen Wochen ausgestanden. Wir müssen jetzt diese hohe Infektionsrate durchbrechen. Noch sind wir in der sehr steilen Anstiegsphase. Irgendwann, wenn die Ansteckungsrate pro infizierte Person nicht mehr über zwei liegt, sondern unter eins hinunter geht, dann haben wir den Kampf gewonnen.

Vor allem jüngere Leute lassen sich nur ungern in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken.

Ich verstehe das total – ich bin ja auch jemand, der sich wahnsinnig gerne bewegt und unterwegs ist. Aber wir müssen jetzt alle einige Wochen lang Opfer bringen.

Bis jetzt hat man in Südtirol also alles richtig gemacht?

Ob richtig oder falsch, kann meist erst später, in der Rückschau, -beurteilt -werden. Ich kann nur sagen, dass wir jeden Tag mit den verschiedenen Task-Forces zusammensitzen und Entscheidungen treffen, seit Wochen. Das sind alles Fachpersonen aus dem klinischen, hygienischen und epidemiologischen Bereich. Hier gibt es immer klare -Zahlen, Einstufungen, das ist eine Wissen-schaft, kein Hokuspokus. Und dann gibt es die politischen Entscheidungen: Was darf, soll man tun, was nicht? Im Grunde sind wir ja schneller als der Rest Italiens, weil wir von den Zahlen her eher hinten sind. Vielleicht hätten wir einige Maßnahmen etwas anders gemacht, als Ministerpräsident Giuseppe Conte. Hätte er die Maß-nahmen nicht gesetzt, hätten wir das für Südtirol trotzdem getan. Wir hatten auch die Chance, von der Lombardei lernen zu können, um die Gefahr richtig einschätzen zu können.

Was hätte man denn konkret anders gemacht?

Alles, was mit der Produktionskette zusammenhängt. Man kann ja nicht die Geschäfte offenlassen, ohne auch den Zwischenhandel, die Zulieferer und die Produktion weiter arbeiten zu lassen. Das wurde anfangs nicht mitgedacht. Oder, welchen Sinn hat es, ein Gasthaus von 6 bis 18 Uhr offen zu lassen? Da stehen die Menschen auch an der Theke, also sperren wir doch lieber gleich ganz zu. Auch haben wir stark dafür gekämpft, die Ordnungskräfte davon zu überzeugen, dass es notwendig ist, in bestimmten Gebieten mehr zu kontrollieren. Nämlich dort, wo es eine höhere Dichte an Infektionen gibt. Dort gibt es wahrscheinlich auch eine größere Dunkelziffer, die dann schwer in den Griff zu bekommen ist.

Wie lange kann das Südtiroler Gesundheitswesen diese Krise bewältigen?

Es gibt interne und externe Maß-nahmen, die alle darauf abzielen, das Ganze im Griff zu behalten. Wir haben zum Beispiel sehr schnell eine Pre-Triage vor den Krankenhäusern aufgebaut. Diese soll eine schnelle Übersicht zu den zu versorgenden Patienten schaffen: Verdachtspatienten auf Covid-19 werden also noch vor der Ersten Hilfe abgefangen. Auch wurden Kontrollen bei den Zugängen zu den Krankenhäusern eingeführt, Besucherregelungen eingeführt auf den Abteilungen – maximal ein Besucher darf in ein Zimmer, unter Umständen gar kein Besucher. Wir haben die Intensivbetten aufgestockt, die Geburtenabteilungen isoliert und arbeiten mit einem dynamischen Stufenplan. Weiters wurde auch das medizinische Personal geschult. Selbst bestimmte Primare haben die Sache anfangs nicht besonders ernst genommen. „Ihr seid ja verrückt“, habe ich oft gehört. Wir haben die Krankenhaus-Bars geschlossen, die Ticketzahlungen abgeschafft, ebenso die Strafe, wenn Visitentermine nicht wahrgenommen werden.

Wer trifft jetzt die Entscheidung, welche Operationen und Visiten noch durch-geführt werden können? Gibt es Richtlinien, wie Krankenhäuser derart schwierige Entscheidungen treffen sollen?

Es geht jetzt darum, Ressourcen zu -bündeln. Programmierbare Visiten -werden deshalb aufgeschoben. Wir haben einen medizinischen Einsatzleiter, der die Bettensituation in allen Krankenhäusern monitoriert und gemeinsam mit den Primaren und ärztlichen Direktoren entscheidet, welche Leistungen zurückgefahren werden können.

Die Triage ist eigentlich ein Verfahren, dass ausschließlich in Kriegszeiten oder in extremen Katastrophenlagen vorgesehen ist. Das bedeutet, dass man nur mehr diejenigen intensiv behandelt, denen man noch eine Überlebenschance gibt. Viele unserer Ärzte haben damit keine Erfahrung.

Die Triage wird in der Notaufnahme immer angewandt. Neu ist die Pre-Triage, was dazu dient, neue infizierte Patienten aufzufangen. Deshalb auch mein Appell an die Bevölkerung: Bitte nicht einfach so ins Krankenhaus gehen! Ansonsten riskiert man, das Gesundheitssystem für alle lahm zu legen. Wenn auch Ärzte und Pfleger infiziert werden, ist das ein Super-GAU. In Brixen wäre es beinahe dazu gekommen, da haben wir schnell gehandelt und hatten auch wirklich Glück. Zwei Abteilungen waren infiziert, es wurden rund 80 Personen getestet. Wären zu viele positiv gewesen, hätten wir das Krankenhaus zusperren müssen.

Insofern noch einmal zur Frage: Wie lange kann unser Gesundheitssystem die Krise bewältigen?

Ich wäre ein Hellseher, wenn ich das wüsste. Es ist nicht meine Art, derlei Prognosen zu stellen. Ich kann nur so viel sagen: Es ist sehr knapp. Wie gesagt: ich glaube, wir sind noch rechtzeitig dran, um diese Krise bewältigen zu können – vorausgesetzt, wirklich alle Südtiroler halten sich an die neuen Spielregeln. Wenn es mit der Zahl der Infizierten gleich weitergeht wie in diesen Tagen – dann werden wir, Stand heute, bei Veröffentlichung Ihres Magazins circa 400 Infizierte haben; dann muss die Kurve abflachen, ansonsten stoßen wir gefährlich an unsere Kapazitätsgrenze.

Die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems hängt aber nicht nur von Material, Betten und Techniken ab, sondern auch vom qualifizierten Personal.

So ist es. Und selbst wenn wir Feldbetten aufstellen müssten – wir brauchen auch die Ärzte dazu. Ein Kollateraleffekt wäre, und daran denken die wenigsten Menschen zurzeit: Wenn es einen schweren Auto- oder Freizeitunfall in dieser Zeit gibt, braucht es auch Intensivbetten und medizinisches Personal. Wenn jeder von uns sein Leben gleich weiterlebt und die Verhaltensregeln nicht einhält, schaffen wir es nicht, die Infektionskette zu durchbrechen. Dann kommen wir schneller als gedacht an unsere Kapazitätsgrenze.

Es ist jetzt möglich, Ärzte und Pfleger
ohne Zweisprachigkeitsnachweis einzustellen. Sieht diese Regelung eine zeitliche Frist vor? Was ist nach der Krise?

Wir brauchen Ärzte und Pfleger, keine Frage. Aber wir können uns diese Fachleute leider nicht schnitzen. Ganz Europa braucht zurzeit Ärzte und Pfleger. Vielleicht bekommen wir zwei, drei, einige haben wir in Ausbildung, vielleicht können wir einige Ärzte in Pension gewinnen. Aber das ist alles eine minimale Aufstockung. Es ist eine Utopie zu glauben, wir könnten unsere Kapazitäten verdoppeln.

Haben Sie jetzt schon Dinge über das Gesundheitssystem, über das Krisenmanagement gelernt, wo Sie sagen: Das müssen wir uns dann, wenn das vorbei ist, noch mal anschauen, da müssen wir nachjustieren? Und was wäre das dann?

Man lernt immer in solchen Phasen. Ein Thema ist sicher die Kommunikation: Wie können wir es schaffen, die Menschen noch schneller von der Wichtigkeit der Maßnahmen zu überzeugen? Meine eigene Verwandtschaft hat mich anfangs kritisiert, das sei doch völlig daneben, was wir hier entscheiden. Jetzt höre ich nichts mehr dergleichen. Vielleicht hätten wir einige Tage gewinnen können, hätten wir vehementer kommuniziert. Ein anderes Thema ist der Zivilschutz: Er ist traumhaft aufgestellt für Erdbeben, Überschwemmungen, Brände. Für Epidemien sind wir hier klarerweise nicht so gut geschult. Auch weil es eine solche Krise in Südtirol noch nicht gegeben hat und das vergisst man oft.

Wie kann in einer solchen Krise Gelassenheit vermittelt werden?

Ich sage immer: Ich kann problemlos, bei einem Meter Distanz, einen Abgrund entlang spazieren. Selbst wenn ich falle, passiert mir nichts. Ich kann aber nicht mit nur einem Fuß auf der Kante balancieren. Deshalb sage ich es noch einmal: Wenn wir nichts unternehmen, dann steigt die Kurve und steigt. Dann haben wir keine Chance. Selbst wenn wir die doppelten Ressourcen hätten. Der Kollaps käme dann halt eine Woche später. Es ist ein Muss, dass sich jetzt alle an die Spielregeln halten. Weil, wenn ich in einer Einbahn nicht irgendwann den Fuß vom Gas nehme, dann kommt irgendwann die Wand. Wir brauchen nur nach China schauen, wie man dort die Krise in den Griff bekommen hat.

Viren kennen keine Ländergrenzen. Was muss denn in Europa als Lehre aus dieser Epidemie verbessert werden?

Es ist wie bei der Flüchtlingskrise: jeder hat und sieht nur sein eigenes Problem. Das ist ein bisschen menschlich. Es verwundert deshalb nicht, dass es mit dieser Coronakrise in Europa ähnlich passiert. Deutschland hat spät reagiert. Aber ich will nicht kritisieren. Im Nachhinein ist man bei solchen Dingen immer klüger. Wenn Europa die Macht hätte, allen Bürgern zu verordnen, zwei Wochen zu Hause zu bleiben, dann hätten wir in vier Wochen das Problem ausgestanden.

Was ist die gute Nachricht inmitten der immer neuen beunruhigenden Zahlen von Infektionen?

Dass eine relativ kleine Mannschaft von Experten zurzeit Unvorstellbares leistet: die Hygieniker, die Virologen, die Labore, die Ärzte, Allgemeinmediziner, Pädiater freier Wahl, Apotheker, die Pfleger und Sanitäter, die vielen Ehrenamtlichen, die Straßenkontrolleure, das klinische Management – das ist alles ganz großes Kino, ganz große Klasse. Diese Menschen sind rund um die Uhr im Einsatz, selbst nachts erhalte ich noch Mitteilungen auf mein Handy. Für die Bevölkerung ist die Krise ja erst seit kurzer Zeit spürbar. Für diese Menschen und uns Politiker bereits seit einigen Wochen. Es ist ein Wunder, dass viele dieser Personen diesen Rhythmus immer noch durchhalten.

Alexandra Aschbacher

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