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Politik

Forscher Mitregent

Bernd Gänsbacher
Professor Bernd Gänsbacher: „Telefoniere ab und zu mit dem Landeshauptmann.“ © Alexander Alber
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Bis gestern belächelt, sagen nun Wissenschaftler den Politikern, wo es langgeht. Bernd Gänsbacher zum Beispiel. Der Sarner nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund.

Eigentlich hätte er Wichtigeres zu tun. Aber jetzt, mitten in der Coronakrise, muss sogar er zu Hause bleiben. Der Sarner Hochschulprofessor und Immunologe Bernd Gänsbacher sitzt in Vertretung der europäischen Ärzte in der European Medicines Agency, das ist die Zulassungsbehörde für Arzneimittel in Europa. Einmal im Monat trifft sich die Kommission in Amsterdam eine Woche lang, um zu entscheiden, welche Medikamente innerhalb der EU zugelassen werden. Vergangene Woche wäre das Treffen gewesen, aber Gänsbacher durfte nicht nach Holland reisen.

Bernd Gänsbacher, 72, weißer Vollbart und runde Brille, sitzt nun daheim in Sarnthein und vertreibt sich die Zeit damit, den Südtirolern – inklusive den Politikern – zu sagen, wo es langgeht. Dabei nimmt er sich kein Blatt vor den Mund.

Beinahe täglich ist er zum Beispiel auf den Kanälen von Rai Südtirol zu hören und zu sehen. Geduldig beantwortet er die Fragen der Leute, die anrufen, oder die Fragen der Reporter, die ebenfalls nach seinem Wissen dürsten. Und Bernd Gänsbacher stellt seine Qualitäten nicht unter den Scheffel. Er sagt Sätze wie: „Jetzt sage ich Ihnen einmal, wie sie das in China hinbekommen haben.“ Oder: „Ich bin Träger von Wissen, dass ich der Allgemeinheit weitergebe.“ Das sei die Aufgabe der Wissenschaft – Menschen zu informieren und aufzuklären.

Der Sarner Mediziner sagt es ganz offen: Hier seien die Wissenschaftler, dort die Bürger. Die Bürger zahlen die Wissenschaftler, damit sie mit ihren Forschungen für eine bessere Welt sorgen. Dies gelte besonders in Zeiten wie diesen.

Er hält die Wissenschaftler für unterbezahlt. Dem Autor dieser Zeilen schickt er am Tag nach dem Gespräch den Auszug eines Interviews mit einer spanischen Biomedizinerin. Die sagte: „Ihr zahlt den Fußballern eine Million Euro im Monat und den Wissenschaftlern 1.800 Euro im Monat. Jetzt braucht ihr ein Mittel gegen das Virus. Geht zu Cristiano Ronaldo oder Leo Messi und schaut, ob sie es euch geben können.“

Tatsache ist, dass man 2002 ganz nahe dran war an einem Impfstoff gegen Sars, das auch von einem Coronavirus ausgelöst wurde. Doch die Eindämmungsmaßnahmen der Krankheit griffen relativ schnell, sodass nur mehr wenige Patienten da waren – daher stellte man kein Forschungsgeld mehr zur Verfügung. Für Gänsbacher ein schwerer Fehler.

Überall auf der Welt haben derzeit Wissenschaftler das Sagen. Sie zeigen auf, wie gefährlich das Virus Sars-Cov-2 ist, versuchen komplizierte Vorgänge im Körper einfach darzustellen, erklären, was es mit dem Wort „exponentiell“ auf sich hat.

Staats- und Regierungschefs rund um den Erdball beugen sich dem Urteil der Experten, stecken ganze Länder in Quarantäne. Aus Sorge um die Gesundheit von Millionen Menschen. Und aus Sorge um das Gesundheitswesen selbst. In Bergamo und Umgebung wird gerade deutlich, wie es ist, wenn das Gesundheitswesen kollabiert. Wenn es den Ärzten nicht mehr gelingt, die Kranken zu versorgen. Wenn auch bisher Gesunde bangen müssen, bei Unfällen oder einem Herzinfarkt nicht mehr angemessen betreut zu werden.

Heben Wissenschaftler gerade die Demokratie aus den Angeln?, fragte das deutsche Wochenblatt Die Zeit besorgt. Und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel konstatiert: „Plötzlich regieren uns Virologen“.

Das ist neu: Die Politiker hören auf die Wissenschaftler, zwar von der Angst getrieben, aber sie hören auf sie, und die Wissenschaftler geben den Takt vor. Sogar die bis gestern unbelehrbaren Populisten Donald Trump und Boris Johnson mahnen heute die Menschen, zu Hause zu bleiben.

Dies tut auch Bernd Gänsbacher. Gebetsmühlenartig erklärt er den Menschen, dass sie daheim bleiben sollen. Das wollen nicht alle einsehen. Als in der Radiosendung „Gänsbacher erklärt“ ein Hörer anruft und sagt, er finde das alles so was von übertrieben, die Welt sei wohl außer Rand und Band, weist ihn der Professor zurecht.

„Horchen Sie“, sagt er oft, „wenn ein neues Virus vom Tier auf den Menschen überspringt, und kein Mensch Antikörper hat, ist das eine gefährliche Situation. Und wenn so ein Virus in einem Monat 50.000 Chinesen trifft und einen Großteil von ihnen krank macht und ungefähr 2 Prozent sterben, dann kann es sein, dass Sie das nicht beeindruckt. Aber den Rest der Menschheit, den beeindruckt das.“

Bernd Gänsbacher kann ein beeindruckendes Curriculum vorweisen. Nach der Matura am Lyzeum in Brixen schloss er das Medizinstudium an der Uni Innsbruck ab. Es folgten Stationen an renommierten Kliniken etwa in Philadelphia, New York und München. Im Jahr 2000 wurde er für vier Jahre lang zum Präsidenten der europäischen Gesellschaft für Zell- und Gentherapie gewählt.

Zugleich war er Inhaber des Lehrstuhls für experimentelle Onkologie und Therapieforschung und Direktor des gleichnamigen Instituts am Klinikum rechts der Isar in München. Seit Oktober 2013 ist er im Ruhestand. Wobei es bei ihm eigentlich ein Unruhestand ist. Er gehört weiterhin der zentralen Kommission für die biologische Sicherheit (ZKBS) im deutschen Gesundheitsministerium an. Und sitzt, wie eingangs erwähnt, als Vertreter der Ärzte der EU im Komitee für Medikamentenzulassung.

Der Autor von mehr als 130 wissenschaftlichen Artikeln und mehreren Büchern wollte bereits vor zwei Jahren mehr Einfluss auf die Politik nehmen. Im Herbst 2018 kandidierte er auf der Liste der SVP für den Südtiroler Landtag, ohne Parteimitglied zu werden.

Er empfand den Wahlkampf damals als Parodie, als eine Verdrehung des ursprünglichen Sinns: Es gehe nicht mehr um den Wettstreit der besten Ideen, sondern um das Äußere. Wer trinkt mit wem ein Bier? Wie viele Fotos gelingt es einem Kandidaten, in den verschiedenen Medien zu platzieren? Inhalte? Fehlanzeige! So lautete das wenig positive Urteil des gebürtigen
Sarners, der sich in seinem Inneren als Amerikaner fühlt, wie er selbst sagte, damals gegenüber diesem Magazin. „Man wählt Hüllen“, meinte er. Frage man, wofür ein Kandidat eigentlich stehe, wisse oft der Kandidat selbst nicht die Antwort.

Bernd Gänsbacher war auch angetreten, um das Südtiroler Gesundheitssystem zu verbessern. Es sei ein System, das mit viel Geld und mit bester technischer Ausstattung betrieben wird. Aber es habe auch Mängel, zum Beispiel fehle die Forschung innerhalb des Systems. Nur die Forschung mache es möglich, Wissensgrenzen zu verschieben. In Südtirol werde nichts verschoben. Auch daher rühre der Stillstand.

Die Ideen des Sarner Wissenschaftlers fanden bei Südtirols Wählern wenig Gehör. Gänsbacher erhielt 4.234 Stimmen und erreichte damit nur Platz 22 auf der SVP-Liste. Das ist bestenfalls hinteres Mittelfeld. Magdalena Amhof zog mit 6.780 Stimmen auf Platz 15 als letzte der SVP-Liste in den Landtag ein.

Verbittert war Bernd Gänsbacher deswegen nicht, enttäuscht schon. Doch das ist Schnee von gestern. Es geht nun um das Hier und Jetzt. Und es gilt nun, eine schwere Viruskrise zu überstehen. Da ist Gänsbacher in seinem Element.

Ob er auch die Südtiroler Politik berate? Offiziell nicht, sagt er, er sei weder in der Taskforce des Landes, die die Maßnahmen gegen das Virus koordiniert, noch sei er in ständigem Kontakt mit den Politikern. Wobei: „Ich telefoniere ab und zu mit dem Landeshauptmann.“

Arno Kompatscher ruft ihn des Öfteren an und stellt ihm „verschiedene Fragen, die ich dann beantworte“. Gänsbacher hält Landeshauptmann Kompatscher und Sanitätslandesrat Thomas Widmann für „vernünftige Leute, die wissen, was sie tun“.

Auf die Frage, ob Südtirols Politiker alles richtig machen, antwortet Bernd Gänsbacher: „Das kann derzeit niemand sagen. Das wird man erst in ein, zwei Monaten wissen.“

Das heißt, bis dahin wird das Schlimmste vorbei sein? „In ein bis zwei Monaten wird man das wahre Ausmaß dieses Problems abschätzen können. Wenn wir jetzt die richtigen Dinge tun, werden wir es schaffen. Und sonst kommt es zur gleichen Tragödie wie in der Lombardei.“

Gänsbacher sagt solche Sätze mit der Klarheit, die man sich von Politikern oft wünsche würde. Diplomatie ist seine Stärke nicht.

Eine Frau sagt ihm im Radio, sie verstehe das nicht, er mache einen super Job, kläre die Leute auf, und trotzdem würden viele Gänsbachers Hinweise nicht befolgen. Sie liefen im Dorf herum, hielten sich weder an die Abstands- noch an die Hygieneregeln.

Bernd Gänsbacher, nicht maulfaul, wählt für die Antwort ein Zitat des genialen Physikers Albert Einstein: „Einstein hat einmal gesagt, es gebe zwei Dinge, die unendlich sind: die Dummheit der Menschen und das Universum. Beim Universum sei er sich aber nicht sicher.“

Drei wichtige Erkenntnisse von Gänsbacher zur Covid-19

Wenn man bei 80 Prozent de­r Infizierten keine Infektionsquelle findet, müsste eigentlich jeder verstehen, dass eine ganze Menge von asymptomatischen Virusträgern herumspaziert.

Von allen Ländern hat Südkorea bisher die erfolgreichste Strategie gewählt: Flächendeckend testen, die Infizierten isolieren und aus dem Verkehr ziehen. Die Zahlen beweisen es.

In zwei Monaten wird man erkennen, welche Art von Führungskräften und Entscheidungsträgern die verschiedenen Länder Europas haben. Unkluge Entscheidungsträger treffen unkluge Entscheidungen, die schwerwiegende Konsequenzen für das Volk zur Folge haben. Exzellente Entscheidungsträger hingegen treffen hervorragende Entscheidungen.

Leserkommentare

1 Kommentar
DrGruber
29. März 2020, 16:12

Sehr geehrter Herr Professor Gänsbacher,
Ich bin ihnen sehr dankbar um all Ihre Bemühungen, die Bevölkerung aus erster Hand in dieser schweren Zeit über die komplexe Materie der Epidemiologie aufzuklären.
Ich als praktischer Arzt mache mir aber Sorgen darüber, wie aufgrund der momentanen Daten, die sich großteils auf Denkmodelle und Theorien berufen, , weitreichendste Entscheidungen getroffen werden.
Weil wir aktuell nichts besseres haben, müssen wir uns auf diesen medizinisch nicht validierten Test verlassen und auch die jetzt (vor)eiligst erwarteten Antikörpertests können hoffentlich bestimmte Fragestellungen klären.
Es scheint mir, dass alles ausser der Coronathematik keine Bedeutung mehr hat.
Wieso, frage ich mich, werden bei den aktuell getesteten Personen nicht auch so wie all die Jahre bisher Influenza Tests durchgeführt, die validiert und massenhaft erprobt und wohl auch verfügbar sind?
Mich macht wissenschaftlich stutzig, dass im bereits stark selektierten Kollektiv dieser eh schon sehr auffälligen klinischen Fälle mit Hochrisikohintergrund nur ca. 10% positiv getestet werden.
Könnten die restlichen 90% klinisch auffälligen aber testnegativen Patienten und all jene, die krank zuhause sitzen und auf eine klärenden Testung warten nicht einfach mit dem Influenzatest teilweise Klarheit erhalten?

Mit kollegialen Grüssen
Dr. Rudolf Gruber /St. Georgen
Praktizierender Frauenarzt und Komplementärmediziner antworten

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