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Politik

Der Krimi um die Masken

Masken
Maskenproduktion in China: Lieferung mit Polizeischutz. © AFP
 

Jeder braucht sie, jeder will sie, aber kaum jemand hat welche: Schutzmasken. Das lukrative Geschäft dahinter – und wie damit spekuliert wird.

Waschen Sie Ihre Hände mit Seife, bevor Sie die Maske anlegen, sagt die Krankenschwester im Video der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Bedecken Sie Mund und Nase. Fassen Sie nicht mit den Händen hinein. Verwenden Sie sie nicht ein zweites Mal.

Wer eine Maske hat, kann jetzt probieren, wie er sie richtig über Mund und Nase stülpt. Doch medizinische Schutzmasken, die zum Schutz vor dem Coronavirus taugen, sind rar. Der Südtiroler Sanitätsbetrieb sucht verzweifelt nach Masken und Schutzkleidung, so wie der italienische Zivilschutz, so wie die deutsche und die österreichische Regierung. So wie fast alle.

Lieferungen von Schutzmasken und Schutzkleidung haben Polizeischutz nötig, Masken werden in Deutschland aus Spitälern gestohlen, die Preise schnellen in die Höhe. In Zeiten von Corona setzen Regierungen Freiheitsrechte außer Kraft, aber die Gesetze der Marktwirtschaft gelten, als sei nichts gewesen.

90 Millionen Masken, hat La Repubblica errechnet, braucht Italien jetzt in einem Monat 1,2 Millionen verteile der italienische Zivilschutz täglich an die Regionen; Bestellungen über 19 Millionen Masken, so die Tageszeitung, seien von den Lieferanten wieder storniert worden. Die meisten Masken werden in China hergestellt, auch in Wuhan, dem ursprünglichen Epizentrum der Coronapandemie.

Am vergangenen Donnerstag stellte ff bei der Videopressekonferenz mit Landeshauptmann Arno Kompatscher, Sanitätslandesrat Thomas Widmann und Marc Kaufmann, Koordinator der Coronataskforce, die Frage: Wie viele Schutzmasken haben wir, wie viele brauchen wir, wie viele bekommen wir und woher kommen sie? Präzise Antworten gab es auch auf Nachfrage nicht.

Am Montag dann war die Antwort des Landeshauptmanns klarer: In den nächsten Tagen würden 1,5 Millionen Masken und 430.000 Schutzanzüge aus China eintreffen – doch der Transport ist eine komplizierte Geschichte. Kompatscher trug wegen eines Coronafalls in seiner „mittelbaren“ Umgebung eine chirurgische Maske. Dabei tat der Landeshauptmann, wovon beim Tragen einer Maske dringend abgeraten wird: Er rückte die Maske regelmäßig mit den Fingern zurecht.

Am Dienstag dann die nächste Nachricht: Masken und ein Teil der Schutzkleidung seien mit Flugzeugen der Austrian Airlines aus China in Wien eingetroffen und würden nun nach Italien transportiert. Doch über Zahlen und Verteilung gibt es voneinander abweichende Auskünfte.

Ärzte in den Krankenhäusern, Hausärzte, Pflegekräfte, Apotheker, Retter vom Weißen oder Roten Kreuz, das mobile Einsatzkommando, das die häuslichen Tests durchführt, Verkäuferinnen und Polizisten brauchen sie dringend. Jeder, der in diesen Tagen mit Kundschaft oder gar mit Coronakranken zu tun hat, müsste sich schützen können – sich und die anderen.Aber wie, wenn es zu wenig Masken gibt?

Die Schutzmaske, die Arno Kompatscher jetzt in der Videokonferenz trägt, ist ein so genannter Mund-Nasen-Schutz (MNS). Diese Masken tragen Ärzte oder Zahnärzte bei Operationen. Sie dienen dazu, andere nicht anzustecken, sie bewahren nicht zuverlässig vor der Ansteckung durch Tröpfchen – nach bisherigen Erkenntnissen wird das Coronavirus vor allem durch Tröpfchen übertragen.

Der MNS ist in der Medizin sehr verbreitet – im Gegensatz zu den FFP2- oder FFP3-Masken. „FFP“ steht für „filtering face piece“, diese Masken können selbst sehr kleine Partikel aus der Luft filtern. Sie finden nicht nur in der Medizin Verwendung, sondern auch bei Arbeiten mit großer Staub- oder Rauchentwicklung – findige Kunden ergatterten in den letzten Wochen die eine oder andere Maske noch in einer Eisenwarenhandlung. Nur sie sind wirklich geeignet, um sich vor Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.

Die FFP2-Masken, so die Hersteller, hätten eine Schutzwirkung von 95, die FFP3-Masken von 99 Prozent. Aber sie warnen auch: „FFP-Masken sind Einmalartikel. Die Benutzungsdauer ist auf etwa acht Stunden ausgelegt. Das Tragen kann durch den Widerstand beim Atmen sehr anstrengend sein.“

Florian Peer führt die Apotheke Peer in Brixen. Auch bei ihm sind Mund-Nasen-Schutz und FFP-Masken seit Wochen ausverkauft. Seit Montag bekommt die Apotheke wieder kleinere Mengen direkt aus China. Peer sagt: „Wir versuchen den Mund-Nasen-Schutz, den wir bekommen, primär an Kunden mit einem Quarantänefall zu Hause und an Lebensmittelgeschäfte zu verteilen.“ Normalerweise hat er um die 10 Packungen zu 50 Stück auf Lager, vor Corona dauerte es einen halben Tag, bis Nachschub kam. Sie kosteten je nach Typ zwischen fünf und zehn Euro die Packung, also 10 bis 20 Cent pro Teil – mittlerweile sind die Preise teilweise um das Sechsfache gestiegen.

„Wir schützen uns im Moment“, erzählt Florian Peer, „intern und hinter dem Plexiglas mit Mund-Nasen-Schutz, um uns nicht gegenseitig anzustecken. Müssen wir in den Verkaufsraum beziehungsweise liefern wir Medikamente aus, verwenden wir FFP2-Masken. Wir verfügen über zwei Masken pro Mitarbeiter, die wir im Wochenrhythmus wechseln.“ Das Robert-Koch-Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, das sich in der Coronakrise zu einer Art Nebenregierung entwickelt, hat einen Leitfaden erstellt, wie sich Schutzmasken öfter verwenden lassen.

Gino Guarda hat auch Florian Peer bis vor einem Monat noch mit Masken beliefert. „Normalerweise“, sagt er, „haben wir nicht viele von den FFP-Masken verkauft.“ Guarda ist Geschäftsführer der Roessler-Pharma in Bozen. Das Unternehmen beliefert Apotheken mit Arzneimitteln und medizinischen Produkten. Im Moment hat Guarda nicht einmal mehr einen Vorrat an Schutzmasken für sich selber: „Die, die ich habe, verwende ich schon seit einer Weile. FFP2- und FFP3-Masken sind schon seit einem Monat nicht mehr zu finden, es mangelt auch an chirurgischen Masken.“

Wie Peer bekommt Gino Guarda in diesen Tagen viele Angebote für Masken von Vermittlern. Chirurgische Masken etwa für 34,40 Euro die Schachtel mit 50 Stück, normalerweise kostet sie 4 bis 5 Euro. Guarda sagt: „Es bräuchte einen Eingriff des Staates, um Spekulationen zu unterbinden.“

Im Krimi um die Lieferung von Masken nach Südtirol spielt der Unternehmer Heiner Oberrauch (Salewa-Oberalp) die Hauptrolle. Er sorgte für eine Großlieferung von 1,5 Millionen Masken und 430.000 Schutzanzügen aus China.

Die 10 Millionen Euro dafür hat er auf Treu und Glauben für den Südtiroler Sanitätsbetrieb vorgestreckt. Für den italienischen Zivilschutz hat er weitere 15 Millionen Masken in China organisiert, für weitere 10 Millionen Euro per Vorauskasse. Die Masken für den Zivilschutz kommen erst Ende März.

Die Schutzkleidung für Südtirol, darunter 500.000 FFP-Masken und 50.000 sterile Schutzanzüge, sind am Dienstag eingetroffen, in Österreich wurden die Lastwagen von Polizei und Militär eskortiert. Die Hälfte der Masken, so der Landeshauptmann, würden an den italienischen Zivilschutz weitergereicht, einen Teil bekommen die Nachbarn in Tirol.

Vielleicht wird jetzt auch die Brixner Hausärztin Monica Oberrauch neue Masken und Schutzkleidung bekommen, sie ist seit vergangenem Herbst auch Präsidentin der Südtiroler Ärztekammer. Sie sagt: „Wir versorgen Patienten unter hohem Risiko. Wir verfügen im Moment ja über keine Schutzkleidung.“

Sie selber hatte vergangene Woche noch ein paar Masken, doch der Vorrat war klein. Jeder Arzt oder Pfleger, fordert sie, „muss seine Arbeit mit voller Ausrüstung tun können.“
Schutzanzug, Handschuhe, FFP-Maske, Brille, Kopfbedeckung, Überschuhe, Ausrüstung, die hinterher als infektiöser Mull entsorgt wird. „Die Angst, sich anzustecken“, sagt sie, „ist auch bei mir groß.“ 16 Ärzte in Südtirol hätten sich bereits, Stand Freitag vergangener Woche, mit dem Virus infiziert.

„Bisher“, sagt sie, „war es eine Misere. Es ist nicht rechtzeitig vorgesorgt worden.“

Am Dienstag sagte Arno Kompatscher: „Es reicht für die nächsten Tage, aber wir warten auf neue Lieferungen.“

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