Politik

Fragile Gesellschaft

Aus ff 16 vom Donnerstag, den 16. April 2020

Jede Maske bietet unterschiedlich viel Sicherheit
Jede Maske bietet unterschiedlich viel Sicherheit: „Normal ist zurzeit gar nichts“, sagt David Augscheller. © Alberto Pizzoli/AFP
 

Wir sollten jetzt in der Krise die Weichen für die Zukunft stellen, sagt der linke Gemeinderat David Augscheller. Leider spüre er „noch nicht den Willen, einen anderen Weg einzuschlagen“.

Bürger, die das Fehlverhalten ihrer Mitbürger denunzieren. Rigorose Polizeikontrollen auf den Straßen. Militärpräsenz in den Dörfern und Städten. Förster, die als Corona-Kontrolleure durch die Wälder ziehen. Familientreffen über Ostern – verboten, abgesagt, aufgelöst. Die von der Regierung verfügten Anti-­Corona-Maßnahmen sind die drastischsten Eingriffe in die Freiheitsrechte in der Geschichte des Landes. Wie viel Verbot ist erlaubt? Was macht dieses Virus mit uns? Und: Wie kommen wir da je wieder raus? Ein Gespräch darüber mit David Augscheller, 50, Gemeinderat in Meran für die „ökosoziale Linke“. Der gebürtige Vinschger sitzt seit 2006 im Gemeinderat der Kurstadt. Er unterrichtet an der Fachoberschule für Tourismus und Biotechnologie „Marie Curie“ in Meran Geschichte und Deutsch.

ff: Herr Augscheller, welche Freiheit vermissen Sie denn derzeit am meisten?

David Augscheller: Mit Sicherheit die Bewegungsfreiheit. Dass man hinausgehen kann, wann und wohin man will.

Wie reagieren Sie sich ab?

Ich habe das Glück, einen kleinen Garten zu haben. Das ist ein Privileg und ein Luxus, gerade in dieser Zeit. Es gibt genügend Menschen, die nicht einmal einen Balkon haben. Ansonsten gehe ich einmal die Woche einkaufen, da hat man etwas Ausgang. Ich versuche wirklich, meine Bewegung auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Der italienische Ministerpräsident verordnet drastische Einschränkungen der Bürgerrechte – und alle nehmen es seit Wochen protestlos hin. Ist diese neue nationale Einheit zum Fürchten oder ist sie eher normal?

Normal ist zurzeit gar nichts. Ich bin etwas im Zwiespalt: Einerseits denke ich, dass es im Hintergrund Experten gibt, die diese Maßnahmen empfehlen, nicht zuletzt die Welt­gesundheitsorganisation. Erst jüngst hat diese erneut betont, man solle die Ausgangssperren nicht zu früh lockern, ansonsten riskieren wir einen Rückfall. Es sind also durchaus Maßnahmen im Sinne der Gesundheit. Andererseits fehlt mir die öffentliche Reflexion darüber, wieso wir überhaupt in dieser Situation jetzt sind.

Und, warum sind wir in dieser Situation?

Wir spüren, wie anfällig unsere Gesellschaft ist, wie verletzbar und labil. Wir sind völlig unvorbereitet, vor allem was den Gesundheitsaspekt betrifft. In den vergangenen 20, 30 Jahren hatten wir eine Austerity-­Politik: Italienweit wurden 37 Milliarden Euro im Gesundheitsbereich eingespart, beim Sanitätspersonal wurden über 40.000 Arbeitsplätze gestrichen, über 70.000 Krankenhausbetten. Wenn Gesundheit zum Kostenfaktor wird, sind die Folgen, so wie wir sie heute haben, unausweichlich: zu wenig Personal, zu wenig Betten, ein vollkommen überfordertes System. Italien produziert nicht einmal selbst Mundschutzmasken. Erst jetzt, in der Krise, fühlen sich einige Unternehmen verpflichtet, das nachzuholen.

Sie haben von mehreren Antworten gesprochen…

… es bleibt völlig unreflektiert, warum es in zyklischen Abständen immer wieder zu Pandemien kommt. Es gab in jüngster Vergangenheit Viren wie Sars, die Schweinegrippe. Experten haben nachgewiesen, dass dies zusammenhängt mit bestimmten Produktionsmechanismen, der Massentierhaltung, der Zerstörung des Gleichgewichts der Umwelt. All das beschleunigt die Übertragung solcher Viren vom Tier auf den Mensch. Wenn man politisch konsequent wäre, müssten jetzt die Grundlagen geschaffen werden für eine radikale Umorientierung.

Wir sollten jetzt die Weichen für die Zukunft stellen?

Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich befürchte aber, dass danach in einer orgiastischen Spirale der Konsum wieder zunehmen wird. Ich spüre zurzeit noch nicht den Willen der Menschen, einen anderen Weg einzuschlagen. Im Gegenteil. Man hört immer nur die Rufe der Wirtschaft und die Rufe nach der Lockerung. Das ist auch verständlich. Aber in einer Gesellschaft, die es nicht schafft, zwei Monate mehr oder weniger unbeschadet zu Hause zu verbringen, läuft etwas falsch.

Was müsste denn jetzt passieren?

Das Instrument, das wir hätten, wäre die Europäische Union. Wenn Premier Giuseppe Conte sagt, an dieser Krise könne die EU zerbrechen, dann hat er recht. Entweder die EU schafft es jetzt, sich in ein wirkliches Solidarbündnis zu wandeln – oder aber sie zerbricht an alledem. Wozu haben wir denn eine solche Institution, wenn in Notsituationen keine Solidarität gelebt wird?

Woran hakt es?

Es geht um beinharte ökonomische Interessen. Die Deutschen, die Holländer oder auch die nordischen Staaten, die alle relativ stabile Wirtschaftssysteme haben, vertreten ihre eigenen Interessen. Sie wollen sich nicht an den Kosten beteiligen, die in Italien, Spanien oder Frankreich getätigt werden müssen. Aber das ist blind und kurzfristig. Die Parallelen zu „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago oder „Die Pest“ von Albert Camus werden immer offensichtlicher. Es wäre jetzt mehr denn je an der Zeit, die nationale Logik zu überwinden, sie ist sinnlos und völlig überholt.

Die USA leiden besonders unter der Corona-Pandemie. Warum ist das mächtigste Land so überfordert?

Wir erleben dort in gesteigerter Form das, was im Kleinen ja auch bei uns das Problem ist: Die Privatisierung des Gesundheitssystems in den vergangenen Jahren führt zu solchen Situationen. Da gibt es Menschen, die sich keinen Krankenhausaufenthalt leisten können. Obdachlose, die gezwungen sind, auf Parkplätzen zu übernachten. Situationen, die aus einem kranken Wirtschaftssystem heraus entstehen. Wenn wir jetzt nicht eingreifen, sind wir blind vor der Evidenz.

Die Menschheit muss sich jetzt entscheiden: Den Weg der Zwietracht zu gehen oder den Weg der gelebten und globalen Solidarität?

Ich befürchte, es wird weiterhin der erstere Weg gegangen werden. Ich stelle mir in diesen Wochen eine banale, vielleicht auch dumme Frage: Worum geht es jetzt? Geht es um Gesundheit, Sicherheit und Leben retten? Oder geht es um wirtschaftliche Interessen? Bitte nicht falsch verstehen: Der wirtschaftliche Aspekt ist immens wichtig, vor allem hinsichtlich der Leidtragenden, den prekär Arbeitenden oder auch den Frauen.

Wie soll eine Gesellschaft das austarieren? Gesundheit, Leben, Freiheit – jeder hat sein eigenes Maß an Risikobereitschaft.

Es ist ein Austesten, viele fragen sich: Wieweit kann ich gehen? Leider fragen sich aber viele nicht: Was kann ich dafür beziehungsweise dagegen tun? Es ist ein komisches Spannungsverhältnis: Wenn man zu viel Fokus auf das Individuum legt, dann ist das gefährlich in dieser Situation.

All unsere Grundrechte werden in einem rasanten Tempo ausgehöhlt. Und vom Staat angeordnete temporäre Maßnahmen haben oft die Eigenheit, den Notstand zu überdauern.

Ich habe keine Angst, dass sich Italien hin zu einem autoritären Staat entwickeln könnte. Das heißt aber nicht, dass man das Ganze nicht aufmerksam verfolgen sollte. Im Gegenteil. Gerade jetzt muss man genau hinschauen. Man sieht ja, was derzeit in Ungarn oder selbst Slowenien passiert. Demokratie muss tagtäglich erkämpft werden. Natürlich muss man darauf achten, dass aus der Notsituation nicht eine Normalsituation wird.

In Wirklichkeit lernen wir jetzt in einem Intensivkurs, einander zu misstrauen, zu bespitzeln, zu denunzieren. Ganz normale Leute zeigen andere ganz normale Leute an, weil diese auf einer Parkbank sitzen.

Es gibt einen treffenden Spruch: Gott weiß alles, aber der Nachbar weiß mehr. Ein bisschen scheint es mancherorts fast so zu sein. Hier zeigt sich die Labilität der Gesellschaft. Was auffällt: Einerseits sieht man die Trikolore auf den Balkonen oder man singt gemeinsam von den Balkonen, alles aus Solidarität. Auf der anderen Seite aber spürt man vielfach eine tiefe Missachtung gegenüber Minderheiten, also den Risiko­patienten, den älteren Menschen und dem Sanitätspersonal. Man tut so, als ginge es nur um die Frage: Wie kann ich meine ganz persönlichen Freiheiten am besten ausloten? Und nicht so sehr: Wie und was kann ich dazu beitragen, diese Pandemie einzugrenzen? Psychologisch ist das alles verständlich, jedoch vom sozialen Aspekt her finde ich diese Einstellung problematisch.

Was ärgert und was sorgt Sie zurzeit am meisten?

Der allgemeine Diskurs über diese Krise. Bis vor wenigen Monaten war in Italien, und auch in Südtirol, jeder Fußballtrainer, jeder wusste alles besser über Fußball und Training. Jetzt sind plötzlich alle Virologen. Diese Besserwisserei, die zurzeit in einem sehr hohen Maße zirkuliert, ärgert mich wahnsinnig. Es widerspricht meinem aufklärerischen Bild einer Gesellschaft, in der die Verifizierbarkeit und die Wissenschaftlichkeit von Aussagen zählen. Es gibt im Moment eine Unmenge an Verschwörungstheorien, oft sind sie angehaucht mit rechtsextremistischen Gedankengut, antisemitisch, rassistisch. Wahrheiten werden hier mit Unwahrheiten vermischt. Eine extrem gefährliche Entwicklung.

Hat Sie etwas auch positiv überrascht in diesen Wochen?

Sehr vieles sogar. Ich habe erlebt, wie Solidarität auch wirklich gelebt wird – und zwar von unten. Es sind so viele tolle Aktionen gestartet, beispielsweise hat sich innerhalb weniger Minuten über Facebook in Meran eine Gruppe gebildet, die für das Krankenhauspersonal Lebensmittel oder Essen einkauft. Oder die konkrete Nachbarschaftshilfe. Oder, anderes Beispiel: Die Fanszene des FC Obermais hat 1.000 Euro gesammelt für das Krankenhaus in Seriate in der Provinz Bergamo. Gemeinsam mit dem FC Wacker Innsbruck sind so über 56.000 Euro zusammengekommen. Diese Seite der Gesellschaft gibt es zum Glück auch.

Zum Schluss: Wie kommen wir da wieder raus?

Diese Diskussion fehlt mir im Moment gänzlich. Die Frage ist, wie wir mittel- und langfristig auf diese Tragödie reagieren. Es wird darum gehen, wer bereit ist, seinen Lebensstil zu ändern, die Konsumgesellschaft infrage zu stellen, die Solidargesellschaft einzufordern – über Nationen und Grenzen hinweg.
Im Moment sägen wir am Ast, auf dem wir sitzen. Wir merken es zum Teil zwar, aber tun immer noch nichts dagegen.

Das ist tragisch.

weitere Bilder

  • David Augscheller, Gemeinderat in Meran

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