Politik

Gorbi und ich

Aus ff 37 vom Donnerstag, den 15. September 2022

Demonstration
Demonstration für ein anderes Russland: Macht man es sich nicht zu einfach, vom bequemen Sessel aus zu kritisieren? © Archiv
 

Wegen Michail Gorbatschow habe ich Russisch gelernt. Der Friedensnobel­preisträger Dmitri Muratow ist mein Vorbild. Meine Erfahrungen mit Russland und mein Blick auf das Land heute. Ein Essay von Stephanie Risse.

Freitag, 4. März 2022: Es ist Tag 9 der „Spezialoperation“ russischer Streitkräfte in der Ukraine. Geschichtsunterricht in der 6A einer Moskauer Schule, der zwölfjährige Kirill fragt seine Lehrerin: „Warum hat das alles angefangen und wann hört das alles auf?“

Die Lehrerin antwortet mit einer amtlich vorgegebenen Begründung. Kirill, der viele ukrainische Freunde hat, hakt nach. Die Ukraine sei eine Supermacht und dort blühe der Nationalsozialismus, so stehe das in den Geschichtsbüchern, sagt die Lehrerin. Kirill fragt seine Freunde, in ihren Büchern steht etwas anderes. Kirill erlaubt sich im Schulhaus „Ruhm der Ukraine“ zu rufen und bekommt Zustimmung von vielen Kindern.

Am nächsten Tag ist er allein zu Hause, die Mutter arbeitet, als Polizisten an der Wohnungstür Sturm klingeln. Kirill öffnet nicht. Die Polizisten drehen den Strom ab und schieben eine Vorladung unter der Wohnungstür durch. „Ich saß auf dem Bett und fragte mich, was wohl passieren würde“, erzählt Kirill später den Journalisten der Nowaja Gazeta. „Aber ich hatte keine Angst. Ich habe mich sogar gefragt, was da bei den Polizisten vor sich geht, wie sie entscheiden: Wir haben einen zwölfjährigen Jungen, der eine Meinung hat, lass uns zu ihm nach Hause gehen. Er macht die Tür nicht auf, also lass uns das Licht ausmachen.“

Das ist nur eine der Geschichten, die (noch) in der Online-Ausgabe der russischen Zeitung Nowaja Gazeta zu lesen sind. Deren Chefredakteur Dmitri Muratow und sein Team kämpfen seit Jahren unter größter persönlicher Gefahr für Demokratie und Freiheit; erst vor wenigen Tagen wurde sie erneut von einem Moskauer Gericht beschnitten.

Die Nowaja Gazeta, der zwölfjährige Kirill und die Tausenden von Wissenschaftlern, Lehrerinnen, Ärzten, die Menschen, die offen demonstrieren, stehen für ein anderes Russland. Auch der verstorbene Michail Gorbatschow stand die vergangenen Jahre für jenes andere Russland.

Gorbatschow, unlängst mit 92 verstorben, bekam 1990 den Friedensnobelpreis und kaufte mit dem Preisgeld die ersten Computer für die Nowaja Gazeta; Muratow bekam den Friedensnobelpreis 2021 und versteigerte seine Medaille für
103,5 Millionen US-Dollar. Das Geld kommt geflüchteten Kindern aus der Ukraine zugute.

Sicher, man kann sich täglich mit Gräuelbildern aus der Ukraine füttern lassen und „den einen“ verteufeln. Doch diese Haltung wird am Geschehen nichts ändern und sie schadet uns nachhaltig. Sicher, man kann immer sagen, es ist alles zu wenig, warum tun „die Russen“ nichts. Aber, macht man es sich nicht zu einfach, vom bequemen Sessel aus zu kritisieren?

Szenenwechsel: Vor genau 34 Jahren stand ich als blutjunge Studentin zum ersten Mal auf dem Roten Platz. Es gab noch die Bundesrepublik Deutschland, aus der ich kam, es gab die Deutsche Demokratische Republik, die ich nur wenige Stunden in der Transithalle des Flughafens Berlin-Schönefeld erleben sollte und es gab noch die UdSSR.

Für eine wie mich, deren Mutter sich 1956 als Demonstrantin auf den Straßen Budapests sowjetischen Panzern entgegengestellt hatte und in Folge aus ihrer Heimat flüchten musste, war Gorbatschow, den wir alle nur „Gorbi“ nannten, bereits ein Held. „Perestroika“ und „Glasnost“ waren die Zauberworte, die mich dazu bewegten, Russisch zu lernen und Slawistik (anstatt Anglistik oder Romanistik) zu studieren. Der letzte Staatschef der Sowjetunion öffnete auch für uns, die wir später zu „Wessis“ wurden, die Türen gen Osten.

Ich arbeitete ab 1988 regelmäßig in Russland, organisierte Hilfs-transporte für leukämiekranke Kinder nach Moskau, Kunstausstellungen und Agrarprojekte in der Enklave Kaliningrad, dem ehemaligen Ostpreußen. Ich berichtete als Journalistin aus Westsibirien und verfolgte als Jungwissenschaftlerin die große Auswanderungsbewegung der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik und die Bemühungen derjenigen Deutschsprachigen, die in ihrer angestammten Heimat blieben. Relativ rasch jedoch wurde die Osteuropaforschung in Deutschland empfindlich zusammengestrichen, der Kalte Krieg war beendet. Westliche Osteuropaforschung, die jahrzehntelang darauf ausgerichtet war, den Feind zu beobachten, erschien nicht mehr notwendig.

Die ohnehin schon wenigen außeruniversitären Forschungsinstitute wurden zusammengelegt oder zu „think tanks“ nach US-amerikanischem Modell. Auch für mich wurde es eng, meine Russland-Projekte liefen allesamt Ende der Neunzigerjahre aus. War es im Kalten Krieg noch strategisch wichtig gewesen, Fachleute zu rekrutieren, gab es ab der Jahrtausendwende schlichtweg keine neuen Stellen mehr. Forschungen oder Projekte im Bereich der „Soft Power“, also Kultur, Bildung, Sprachen und humanitäre Hilfe ließ man still und leise auslaufen. Es regierte fortan die „Hard Power“, der Rubel sollte rollen.

Nicht zuletzt aufgrund meiner Übersiedlung nach Südtirol vor 25 Jahren änderte auch ich meine Arbeitsbereiche, nur punktuell war meine Osteuropa-Expertise noch gefragt, beim Wiederaufbau der verfeindeten ethnischen Gruppen in Ex-Jugoslawien etwa und dann wieder ab 2014, als sich die Fronten zwischen Russland und der Ukraine massiv verhärteten. Es ist richtig, dass kaum jemand aus der Osteuropa-Forschung die jetzige Eskalation so vorausgesagt hat. Es ist aber auch richtig, dass Kolleginnen und Kollegen seit Jahren beständig vor einem immer autoritärer werdenden Russland warnten.

Auch mir waren als Repräsentantin der Universität Bozen in der „Stiftung Borodina“, die sich den guten Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Autonomen Provinz Bozen zu widmen hatte, die Entwicklungen in Moskau nicht verborgen geblieben. Insbesondere schien der lange Arm des politischen Moskau bis nach Meran, genauer in die Büroräume der einst prächtigen Villen in der Schafferstraße zu reichen.

Die Stiftung „Borodina“ hatte ursprünglich den statuarisch festgelegten Auftrag, Sprach-, Kultur- und Wissenschaftsaustausch und die Regionalentwicklung zwischen der Autonomen Provinz Bozen und dem russischsprachigen Kulturraum zu befördern. Ich konnte mich zunehmend des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier um die Durchsetzung anderer Interessen ging und dass das offizielle Moskau das Sagen hatte. Insbesondere mein Bemühen, die Stiftung auch zu einer Anlaufstelle für die in Südtirol ansässigen Mitbürgerinnen und Mitbürger – zumeist „Badante“ aus dem russischsprachigen Raum – zu schaffen, stieß auf den Widerstand der russischen Abgesandten.

Unangenehm auch die Versuche von russischer Seite, mich als Person zu diskreditieren, erinnerten diese Einschüchterungen doch allzu sehr an die Methoden, die wir doch mit dem Fall der Mauer abgeräumt wissen wollten. „Soft power“ schien auch in Meran nicht gefragt zu sein, Vorschläge zu Kooperationen in Wissenschaft und Kultur wurden gar nicht erst ignoriert. Wer da zwischen Moskau, Rom und Bozen auf der Bremse stand, wie die Besitzverhältnisse waren, war nicht ersichtlich.

Ich zog mich aus der „Borodina“ zurück. Im Büro des Hochkommissars für nationale Minderheiten der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) schätzte man offensichtlich meine Expertise: Ich konnte in der Ukraine, Kasachstan und Kirgisistan arbeiten. Ich unterstützte dort ein Netzwerk zu mehrsprachiger Bildung.

Und dann kam der Krieg. Die italienische Regierung ließ öffentlichkeitswirksam Jachten und Luxusvillen von Oligarchen auf italienischem Gebiet beschlagnahmen. Und was geschah mit den Villen in Meran, die man auch als „Zarenbrunn“ bezeichnet? „Under construction“ steht auf der Website der Stiftung. Die Schlagläden der beiden Villen an der Schafferstraße 21 sind fest verrammelt. Auf vergilbten Blättern im Schaukasten am Eingang ist zu lesen, dass zumindest noch die Gottesdienste in den Gebetsräumen der orthodoxen Kirche stattfinden. Ein Lichtblick.

Warum kümmern sich jetzt nicht die Gemeinde Meran zusammen mit dem Land um diese beiden Villen? Warum machen sie nicht jetzt die Stiftung zu dem, was das Gebot der Stunde wäre: Zu einem Ort der Begegnung, zu einem Ort, von dem aus ein Zeichen des Friedens ausgeht? Das Forum Alpbach in Nordtirol hat in diesem Jahr erneut eindrucksvoll bewiesen, was getan werden kann. Unter der Überschrift eines „neuen Europa“ wurde hier generationenübergreifend diskutiert, welche Lösungen es im Ukrainekrieg geben könnte.

Im Juni feierte Südtirol den 30. Jahrestag der Streitbeilegung (Österreich und Italien erklärten das „Paket“ als umgesetzt) und wurde im In- und Ausland für die beachtlichen Errungenschaften der Autonomie gelobt. Zurecht. Warum nimmt man nicht all das internationale Lob zum Anlass, etwas von der eigenen Expertise dort einzusetzen, wo Not am Mann ist?

Freilich, jeder Konflikt hat seine eigenen Ursachen, Dimensionen und Dynamiken. Es gibt allerdings schon einige Grundregeln und dazu gehört der Dialog. Es mag sein, dass man mit der aktuellen russischen Regierung nicht verhandeln kann. Aber die apodiktische Aufforderung, alle Kontakte zu ganz Russland abzubrechen, halte nicht nur ich für falsch. Und die russische Sprache in der Ukraine flächendeckend durch die ukrainische ersetzen zu wollen, ist Wasser auf die Mühlen von Nationalisten. Russisch ist nun mal die Lingua Franca in den meisten Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Russisch ist auch die Muttersprache vieler Menschen in der Ukraine, gerade in den umkämpften Gebieten der Ostukraine. Sprachen gegeneinander auszuspielen, heizt Konflikte an. Das sollte man gerade in Südtirol wissen.

Und: Sprachen töten nicht. Sprachen ermöglichen das Gespräch, Lösungen zu finden und Frieden zu schaffen. „Sprachen für den Frieden“ – an dieser Idee arbeiten wir in unserem osteuropäischen Kolleginnenkreis. Denn die Beteiligten werden miteinander reden (müssen). Gorbi verdanke ich meine Russischkenntnisse. Dmitri Muratow verehre ich. Und ich denke an den mutigen Kirill in Moskau. Auch das ist Russland.

Stephanie Risse

Unsere Autorin (in München geboren) ist Professorin
für -deutsche Sprache und Mehrsprachigkeit an der Fakultät
für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen
und lebt mit ihren vier Kindern in Brixen.

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