Restaurant „1908“ im Parkhotel Holzner, Oberbozen: aufregende Maultaschen, wachsweicher Fisch und fermentiertes Gemüse – und immer „viel Ritten im Teller“.
Politik
„Sei der Mann, der du wirklich sein willst“

Der Abgeordnete Zeno Oberkofler hat gemeinsam mit anderen europäischen Grünenpolitikern ein Manifest für ein neues Männerbild verfasst. Was genau will Mann damit erreichen?
Donald Trump, Wladimir Putin, Javier Milei: In vielen Ländern der Welt breitet sich ein Politikertyp aus, der Frauenverachtung und toxische Männlichkeit ohne Skrupel einsetzt, um politische und wirtschaftliche Macht zu erhalten. Diese Männer wirken als Symbole einer gesellschaftlichen Rückwärtsbewegung – einer Reaktion auf feministische Moderne. Es sind Männer, die ihre Männlichkeit bedroht sehen. Das führt zu wachsender Wut, die sich unter anderem in der „Manosphere“ (deutsch Mannosphäre) entlädt. Ein Netzwerk frauenfeindlicher Influencer, denen es einerseits um männliche Selbstoptimierung geht, die aber vor allem auch systematisch Hass gegen Frauen verbreiten. Es gibt genügend junge Männer, die sich von diesen Inhalten abgeholt fühlen.
Führende Grünenpolitiker wollen dieser „Mannosphäre“ etwas entgegensetzen. Anfang Juli haben 15 Politiker und Politikerinnen aus Deutschland, Österreich und Südtirol das Manifest „Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit“ veröffentlicht. Unter ihnen Parteivorsitzende Franziska Brantner, ihre Vorgängerin Ricarda Lang – und Zeno Oberkofler.
ff: Herr Oberkofler, die Grünen haben ein Manifest zur „modernen Männlichkeit“ vorgelegt. Sie wollen weg vom „Softie-Image“. Was ist die Idee dahinter?
Zeno Oberkofler: Das heutige Männlichkeitsbild besteht aus zahlreichen Klischees. Stärke, Risikobereitschaft, geringe Emotionalität – alles Eigenschaften, die als typisch maskulin gelten. Es fehlt ein positiver Männlichkeitsentwurf. Mit diesem Papier wollen wir das ändern und ein modernes, selbstbestimmtes Männlichkeitsbild entwickeln. Ich finde das ungemein wichtig und höchst an der Zeit.
Warum?
Das Patriarchat betrifft nicht nur die Frauen, sondern auch uns Männer. Das Problem ist, dass überholte Rollenvorstellungen nicht einfach herauswachsen aus einer Gesellschaft, sondern nach wie vor weitergegeben werden. Männer müssen in dieser patriarchalen Gesellschaftsstruktur genügen, ob sie wollen oder nicht. Wirken sie nicht stark, souverän, rational, gelten sie als Versager. Was in der Gesellschaft als „echte Männlichkeit“ propagiert wird, kann großen Druck erzeugen – vor allem dann, wenn Männer diesem vermeintlichen Ideal nicht entsprechen.
Männer haben aber auch Vorteile von der patriarchalen Gesellschaftsstruktur.
Stimmt. Viele Männer fühlen sich auch ganz wohl in diesem System. Und viele wollen dieses patriarchale Männerbild auch noch sehr viel stärker in den Vordergrund rücken. Stichwort: Mannosphäre.
Eine lose miteinander verbundene Online-Community, in der traditionelle und häufig frauenfeindliche Rollenbilder propagiert werden.
Genau. Die Mannosphäre produziert Männer, die glauben, Gefühle seien Schwäche, Hilfe anzunehmen sei „unmännlich“ und Dominanz sei Voraussetzung für Anerkennung. Dieses Weltbild führt zu Einsamkeit, psychischen Erkrankungen und schließlich zu Gewalt. Sie ist ein Sicherheitsrisiko sowohl für Männer als auch für Frauen. Die Frage ist: Was ist das alternative
Angebot?
Sie haben das Ganze mitunterzeichnet. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?
Ich war in jüngster Zeit in regem Austausch mit Theo Löcker, ein junger grüner Landtagsabgeordneter und Gemeinderat in Wien. Wir gehen ähnliche politische Themen an: psychische Gesundheit, kostenlose Verhütungsmittel, Einsamkeit. Wir sind zwei junge Politiker, er ist 22 Jahre alt, ich bin 28, es ist interessant für uns, Themen und Erfahrungen auszutauschen. Er ist leidenschaftlicher Sportler, geht ins Fitnessstudio, postet das auch in den sozialen Medien und will eine neue Debatte um Feminismus und Männlichkeit in Gang bringen. Er hat mich gefragt, ob ich Teil dieser Arbeitsgruppe sein möchte, und mir das Papier gezeigt. Ich war sofort begeistert, weil es ein wichtiger Beitrag ist, um diese Debatte endlich gesamtgesellschaftlich zu führen.
Innerhalb der deutschen Grünen hat es jüngst etwas Unmut darüber gegeben. Das Papier, so die Sorge, könnte Frauen abschrecken. Was sagen Sie dazu?
Die inneren Dynamiken bei den deutschen Grünen interessieren mich in diesem Fall wenig. Mir geht es um den Inhalt des Papiers, denn dieser ist wichtig. Deshalb ist es ja auch eine länderübergreifende Arbeitsgruppe. Es geht hier nicht um die Befindlichkeiten innerhalb der deutschen Grünen. Diese Debatte wird dort übrigens schon länger geführt. Der Vorsitzende Felix Banaszak beispielsweise gab Anfang des Jahres dem Playboy ein Interview. Seine Botschaft: Feminismus ist kein Nullsummenspiel, in dem Frauen Männern etwas wegnehmen. Er fordert Männer auf, sich mit ihren Privilegien auseinanderzusetzen.
Sie sind mittlerweile auch Co-Vorsitzender der Grünen in Südtirol. Wie wird diese Debatte in Ihrer Partei geführt?
Das Thema hat natürlich auch uns erreicht; vom Grundsatz her sind die Reaktionen sehr positiv. Viele wollen sich damit auseinandersetzen. Wir werden demnächst ein Treffen dazu organisieren, für all jene, die an einem Austausch daran interessiert sind.
Im Manifest steht: „Wir brauchen ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann. Wir wollen moderne Männlichkeit.“ Aber was genau heißt das?
Anstatt von einer modernen Männlichkeit spreche ich persönlich lieber von einer selbstbestimmten Männlichkeit. Soll heißen, dass man sich von den Erwartungen löst, was und wie ein angeblich „echter“ Mann zu sein hat. Es ist in erster Linie eine Befreiung, im Sinne von: Sei der, der du wirklich sein willst. Wichtig ist jetzt, dass man ein Angebot macht, ein Angebot dafür, was selbstbestimmte Männlichkeit sein kann.
Können Sie konkreter werden?
Du gehst gerne ins Gym und machst Workouts für deine Muskeln? Wenn dir das Freude macht, gut, das passt. Aber es definiert dich nicht als Mann.
Wann ist für Sie ein Mann ein Mann?
Wenn er sich von den alten Klischees und Mustern befreit. Wenn er selbstbestimmt entscheidet, wie er sein möchte. Wenn er sich gut um sich und andere kümmert. Wenn er respektvoll ist. „Echte“ Männer übernehmen Verantwortung. Verantwortung für den Freund, dem es psychisch nicht gut geht. Verantwortung für die eigene psychische Gesundheit. Verantwortung dafür, sich über Menstruation zu informieren und rücksichtsvoll zu sein. Verantwortung für Care-Arbeit, Kinder, Verhütung und Mental Load. Verantwortung für das eigene Verhalten in Beziehungen. Echte Männer sind frei und laufen nicht bescheuerten Klischees hinterher.
Und wenn man auch darüber spricht, was ihn emotional beschäftigt. Warum sind Männer oft so schlecht darin, über Gefühle zu sprechen?
Ich habe mich mit all diesen Themen sehr beschäftigt, und trotzdem spüre ich bei mir selbst, dass ich oft versuche, das Emotionale abzukoppeln. Wenn man über Emotionen redet, dann eher mit Freundinnen als mit den eigenen Kumpels. Das ist interessant. Emotionen zuzulassen, statt wegzudrücken, auch das ist eine Form von Verantwortung. Das Problem ist: Man ist sich vielfach gar nicht bewusst, wie stark man patriarchale Muster in sich verinnerlicht hat.
Mit welchem Verständnis von Männlichkeit sind Sie groß geworden?
Während der Oberschulzeit ging es unter Jungs immer darum, wer wie viele Freundinnen hat. Das hat mich schon unter Druck gesetzt, zumal ich selbst in diesen Jahren nie eine feste Freundin hatte. Auch das Thema: Mann muss sportlich sein. Damit konnte ich mich nicht identifizieren. Während meine Kollegen Sport machten, habe ich Geige gespielt. Ich hatte zum Glück Freunde, mit denen ich trotzdem immer viel Spaß hatte. Den Druck habe vor allem ich mir selbst gemacht.
Und zu Hause, in der Familie?
Wir Geschwister – ich habe eine Schwester und einen Bruder – mussten alle gleichermaßen im Haushalt mithelfen. Wir waren oft im Camper unterwegs, da wurden die Aufgaben auf alle verteilt. Auch mein Vater hat mitangepackt, das Bügeln zum Beispiel war sein Job. Auch war eine unserer Regeln: Wer kocht, der muss danach nicht die Küche aufräumen,
das erledigen die anderen.
Welche Männer wollen Sie mit dem Manifest erreichen?
Wenn ich sehe, wie patriarchale Rollenbilder gerade bei jungen Männern wieder erfolgreich werden, können wir nicht tatenlos zusehen. Wir müssen junge Männer erreichen – auch im Gym, im Netz und in anderen Milieus, in denen
Mannosphäre immer präsenter ist.
Es sind die 18- bis 24-jährigen Männer, die sich von den Grünen ab- und rechten Parteien zuwenden. Ist das mit ein Grund, hier aktiv zu werden?
Dieser Grund steht für mich nicht im Vordergrund. Ich bin überzeugt, dass es diese Diskussion gesamtgesellschaftlich braucht. Und von wem sonst als den Grünen sollte diese Debatte denn ausgehen? Man kann den Grünen nicht vorwerfen, sie seien zu wenig feministisch oder zu wenig sensibel für diese Themen. Feminismus, Gleichberechtigung – diese Themen sind in unserer DNA, wir sind da glaubwürdiger als jede andere Partei.
Und das kann mit so einem Papier gelingen?
Irgendwo muss man anfangen. Es braucht männliche Vorbilder und Bezugspersonen, die zeigen, dass Fürsorge, Verletzlichkeit, Verantwortung und Gleichberechtigung keine Schwächen sind, sondern Ausdruck von Stärke. Es gibt zum Beispiel Männer, die sich viel und gerne um ihre Kinder kümmern. Super! Ich selbst habe aber keine eigene Familie, bin kein Vater, mich spricht das nicht an. Ein selbstbestimmtes Männerbild ist nicht nur der fürsorgliche Vater. Es muss in allen Lebensbereichen und Lebensphasen weiterentwickelt werden.
Wenn Männer sich als Feministen positionieren, könnte doch die Gefahr bestehen, dass sie Frauen Räume wegnehmen – oder von der Arbeit profitieren, die Frauenbewegungen über Generationen hinweg geleistet haben, oder?
Für mich bedeutet Feminismus, sich von einem patriarchalen System zu befreien. Frauen haben sich im feministischen Kampf organisiert, diskutiert, sich gegenseitig gestärkt und neue Vorstellungen davon entwickelt, was Frausein jenseits patriarchaler Erwartungen bedeuten kann. Dieser Emanzipationsprozess vom Patriarchat hat für Männer bislang nicht beziehungsweise zu wenig stattgefunden. Für mich ist die Aufgabe des Feminismus nicht diejenige, sich um die Männer zu kümmern. Es ist unsere Aufgabe als Männer, uns mit unserer Sozialisation auseinanderzusetzen und neue Formen von Männlichkeit zu entwickeln. Anders funktioniert es nicht.
Inwieweit trägt denn die politische Linke eine Mitschuld am Erfolg rechter Kräfte?
Es fällt mir schwer, einer Partei die Schuld zuzuweisen. In gewisser Weise hat jede Partei ihre Verantwortung für diese Entwicklung. Wir leben in einer Zeit des Wandels mit vielen Unsicherheiten. Die politisch rechten Kräfte nutzen diese Unsicherheiten und Ängste. Sie bieten Halt, indem sie propagieren, dass früher alles besser war. Das sind unrealistische Scheinvorstellungen, weil sich die Welt nun mal verändert hat. Die Antwort liegt nicht in einer idealisierten Vergangenheit, die es so nie gegeben hat, sondern in einer neuen selbstbestimmten Zukunft.
Vor 16 Jahren verfassten die deutschen Grünen schon einmal so ein Papier: „Man wird nicht als Mann geboren, sondern dazu gemacht.“ Warum sollte dieses nun mehr bewirken?
Ich kenne dieses Papier von damals nicht, habe aber davon gehört. Was ich sagen kann, ist: Wir hinken dieser Debatte wirklich hinterher, wir hätten uns sehr viel früher schon mit diesem Thema beschäftigen müssen. Wir haben es verabsäumt, dieser Mannosphäre rechtzeitig etwas entgegenzusetzen.
Vielleicht fanden sich damals schlicht nicht genug Männer, die mitmachen wollten. Aber, mal sehen: Vielleicht haben sich die Zeiten ja doch geändert?
Unser Papier ist jedenfalls nicht in Stein gemeißelt. Wir werden die vielen Inputs und auch Kritikpunkte integrieren. Auf die Fragen, die aufgetaucht sind, Antworten finden. Es ist eine Einladung zum Nachdenken. Und wenn einige Männer dadurch lernen, dass Muskeln auch zu Feminismus passen, dann ist ja schon etwas gewonnen.
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Vier Frauen und neun Männer sprechen sich im Manifest für eine neue, „positive“ Definition von Männlichkeit aus – darunter auch Zeno Oberkofler. Im Kampf für Frauenrechte, heißt es, sei etwas auf der Strecke geblieben: „Wir haben definiert, was Männer nicht sein sollten: nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend.“ Doch ein positives Gegenbild fehle. „In diesem Vakuum kehren die alten Klischees zurück.“ Der Text sei „kein Regelwerk“, sondern eine „Einladung, Männlichkeit neu zu denken“.
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