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Wirtschaft

Grün, günstig, gut?

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Oetzi Strom
Oetzi Strom. Quelle: Ilportaleofferte.it – Zahlen aufgerundet, Stand: 9.3.2020. © Grafik: FF-Media/Freepik
 

Genossenschaftsstrom für alle Südtiroler – dieser Traum geht nun in Erfüllung. Er soll „fair, nachhaltig, demokratisch und transparent“ sein. Aber stimmt das auch?

Wenn Rudi Rienzner auf seinen Ötzi-Strom zu sprechen kommt, leuchten seine Augen. Rienzner, 61, weißer Bart, das Haar streng nach hinten gekämmt, Brille, träumt seit mehr als zwanzig Jahren von Genossenschaftsstrom für alle. Jetzt geht sein Traum in Erfüllung.

Er und sein Energieverband Sev haben eine Verbrauchergenossenschaft gegründet, die auf den Namen des Mannes aus dem Eis lautet. Mit Ötzi haben alle Südtiroler die Möglichkeit, „fairen, nachhaltigen, demokratischen und transparenten“ Strom zu erhalten.

Der Südtiroler Energieverband residiert im zehnten Stock des Hafner-Towers, von hier aus hat man einen guten Überblick über die Bozner Industriezone. Rudi Rienzner streicht die Vorzüge des Ötzi-Stroms heraus: Er sei grün, günstig und gut. Aber stimmt das auch?

Gunde Bauhofer, seit Anfang dieses Jahres Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale (VZS), zeigt sich verhalten optimistisch. Sie hat sich die Preise angeschaut und sagt: „Der Ötzi-Strom liegt ein bisschen unter dem staatlich vorgegebenen Preis.“

Der staatlich vorgegebene Preis wird alle drei Monate von der Aufsichtsbehörde Arera festgelegt. Wer noch nie seinen Stromanbieter gewechselt hat, bezieht Strom im Rahmen dieses „geschützten Grundversorgungsdienstes“. Die Regierung in Rom plant seit Langem, diese Tarifform abzuschaffen, allerdings wird der Termin hierfür regelmäßig verschoben. Vorerst läuft der geschützte Tarif bis Ende 2021.

Dieser geschützte Grundversorgungstarif bildet die Basis des Ötzi-Strom-Preises. Er liegt um
5 Prozent darunter. Sev-Präsident Hanspeter Fuchs sagt, dies werde garantiert. Ohne versteckte Klauseln und ohne versteckte Kosten. Es gebe auch dann keine zusätzlichen Kosten, wenn ein Kunde den Vertrag mit Ötzi-Strom auflösen möchte.

„Damit“, sagt Fuchs, „gehört Ötzi-Strom auf dem freien Markt zu den günstigsten Angeboten für grüne Energie in Italien.“ Auf dem freien Markt können Energieverkäufer die Preise für ihren Strom frei festlegen.

Ein Blick in das Portal der Aufsichtsbehörde Arera Ilportaleofferte.it. Hier kann man die Preise der Stromanbieter in ganz Italien vergleichen. Zunächst muss man seine Daten eingeben. Wir nehmen jene einer typischen Familie (mit drei Mitgliedern) in Bozen her.

Postleitzahl, hier ansässig, variabler Preis, Strom für einen Haushalt, 3 Kilowatt Leistung, Tag- und Nachtstrom, 2.700 Kilowattstunden Verbrauch. Der geschützte Grundversorgungstarif beträgt in diesem Fall pro Jahr 525 Euro. Derzeit sind von den angezeigten 296 Angeboten nur
6 günstiger.

Eines der 6 günstigeren Angebote ist jenes für Ötzi-Strom. Es liegt auf Platz 2 hinter Global Power, das der typischen Familie in Bozen pro Jahr 512 Euro in Rechnung stellt. Ötzi-Strom gibt es für 515 Euro pro Jahr. Damit ist er um 10 Euro günstiger als der staatlich vorgegebene Preis.

Zum Vergleich: Selgas liegt auf Platz 93 und verrechnet der typischen Familie 574 Euro pro Jahr. 59 Euro mehr als Ötzi. Nach dem Austritt aus der Alperia-Gruppe wird Selgas von den beiden Partnern Selfin (Zusammenschluss von 112 Südtiroler Gemeinden) und dem Tiroler Energieversorger Tigas-Erdgas betrieben. Südtirols Landesenergiegesellschaft Alperia rangiert derzeit mit seinem günstigsten Angebot auf Platz 134. Sie stellt der typischen Bozner Familie pro Jahr 594 Euro in Rechnung. 79 mehr als Ötzi.

Zugleich betonen sowohl Rienzner als auch Fuchs, „keine Konkurrenz“ zur Alperia darzustellen. „Dazu hätten wir gar nicht die Kraft“, sagt Geschäftsführer Rienzner. Und Präsident Fuchs meint: „Alperia hat ihre Berechtigung, und wir unsere.“ Nichtsdestotrotz werde man versuchen, möglichst viele Südtiroler von den Vorteilen des Ötzi-Stroms zu überzeugen.

Derzeit hat die Verbrauchergenossenschaft
60 Kunden, es sollen bald schon mehr werden. Bis zu 30.000 in den kommenden Jahren halten Rienzner und Fuchs für ein realistisches Ziel. Doch auch wenn es weniger sein sollten, stelle dies kein Problem dar.

Im Südtiroler Energieverband (Sev) sind mehr als 300 kleine und mittlere Energiebetriebe des Landes zusammengeschlossen. Sie produzieren Strom und Wärme. Hauptsächlich aus Wasser- und Sonnenkraft, aber auch aus Biomasse (Fernheizwerke).

Der überschüssige Strom, der dabei hergestellt wird, fließt nun in die Ötzi-Genossenschaft. Er sei zu 100 Prozent grün, sagen Rienzner und Fuchs. Und er stehe im Überfluss zur Verfügung – insgesamt 217.000.000 Kilowattstunden pro Jahr. Damit können 80.000 typische Familien im Land mit Strom versorgt werden. Theoretisch.

Praktisch müssen die Familien, die das Angebot nutzen wollen, erst einmal Mitglied der Verbrauchergenossenschaft werden. Der einmalige Mitgliedsbeitrag beläuft sich auf 25 Euro. Das ist zwar nicht viel. Aber …

„Dadurch wird aber der Preisvorteil in den ersten Jahren aufgefressen“, sagt Verbraucherschützerin Bauhofer. Im Vergleich zum geschützten Tarif (Ötzi-Strom ist derzeit um etwa 10 Euro günstiger) braucht es zweieinhalb Jahre, um den Mitgliedsbeitrag zu amortisieren.

Abgesehen davon, sagt Gunde Bauhofer, gebe es aber schon einige Vorteile des Ötzi-Stroms: Er werde vor Ort produziert, es handle sich um grünen Strom, und als Mitglied der Genossenschaft habe man ein Mitspracherecht. „Wem das wichtig ist“, sagt sie, „für den ist das Angebot durchaus interessant.“

Sev-Geschäftsführer Rienzner verweist außerdem darauf, dass der Mitgliedsbeitrag bei einem Austritt aus der Genossenschaft „in voller Höhe zurückerstattet“ werde. Er ist überzeugt davon, dass der Genossenschaftsgedanke voll im Trend liege.

Sicher, eine Verbrauchergenossenschaft sei nicht das Maximum, das er und seine Mitstreiter in den vergangenen Jahren anvisiert haben. Zu diesem Traum, zu diesem zweiten Weg, von dem Rienzner spricht, hätte neben der Produktion und dem Verkauf auch die Verteilung von Strom gehört. Dies haben die Genossen nicht geschafft. Die Stromnetze gehören in weiten Teilen des Landes der Alperia-Tochter Edyna.

Daher bezieht sich der Preisvorteil von 5 Prozent rein auf den Strom. Gebühren, Steuern und Netzkosten „fallen immer an“, sagt Rudi Rienzner, „und sind von uns als Verbrauchergenossenschaft gar nicht beeinflussbar“.

Aber den Ötzi-Machern geht es nicht nur um die Kosten, sondern auch „um den sozialen Aspekt“. Jedes Mitglied könne mitgestalten, wie die Energie der Zukunft im Lande ausschauen soll. „Hier gibt es unzählige Möglichkeiten“, sagt Sev-Präsident Fuchs.

Der Genossenschaftsgedanke ist es, sich einzubringen, selbst etwas zu tun. Nicht nur günstig grünen Strom einzukaufen. Das mag nicht jedermanns Sache sein. Fuchs und Rienzner wähnen sich dennoch auf dem richtigen Weg. Eine dezentrale und bürgernahe Energiewirtschaft, sagen sie, sei eine Alternative, die das Land brauche.

weitere Bilder

  • Rudi Rienzner, Sev Gunde Bauhofer

Ergänzung zum 12.3.2020:

Beim Preisvergleich, der oben angeführt ist, wurden lediglich die Angebote mit "variablen Preisen" berücksichtigt. Bei den Angeboten mit den "fixen Preisen", die ebenfalls von Arera verglichen werden, liegt Alperia wesentlich günstiger: Das beste Angebot der Landesenergiegesellschaft beläuft sich auf 464 Euro. Das sind um 50 Euro pro Jahr weniger für die typische Familie als bei Ötzi-Strom.

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