Wirtschaft

Ein Dorf geht baden

Ein Erinnerungsfoto aus besseren Tagen: Auf dem Dach der Cascade bei der Firstfeier 2010. Im Hintergrund der Bürgermeister mit Krawatte, vorne feiern die Bauarbeiter. © Alexander Alber
 

Wie ein mutiges Zukunftsprojekt zu einem monumentalen Fehler wird: die Geschichte des Hallenbades Cascade in Sand in Taufers.

Als man im alten Hallenbad in Luttach zum letzten Mal das Wasser aus dem Schwimmbecken rinnen ließ, war unbestritten: So etwas bauen wir nicht mehr, viel zu teuer. Ein Hallenbad für ein relativ kleines Einzugsgebiet konnte und wollte sich die Gemeinde Ahrntal nicht mehr leisten.
Ein Dorf weiter aber gab es einen Mann, der diese Entscheidung nicht hinnehmen wollte. Helmuth Innerbichler hatte sich 2005 auch deshalb zum Bürgermeister wählen lassen, weil er einen großen Traum hatte: Sand in Taufers sollte ein Hallenbad errichten. Ein Projekt mit Strahlkraft weit über das Tal hinaus.
Es gab wohl gar einige, die Bedenken hatten und sie auch äußerten: Kann das gut gehen? Wird diese Rechnung aufgehen? Öffentliche Hallenbäder schreiben so gut wie nie schwarze Zahlen.
Innerbichler ließ sich nicht beirren. „Wir werden knallhart kalkulieren“, versprach er im Oktober 2008 nach der Vorstellung des Projekts. Der Präsentation war ein Architektenwettbewerb vorausgegangen, den Christoph Mayr Fingerle für sich entschieden hatte. Bereits damals war klar, dass kein gewöhnliches Hallenbad entstehen sollte. Geplant war eine großzügige Bäderlandschaft mit mehreren Schwimmbecken, Restaurants und Bars sowie einer weitläufigen Saunalandschaft.
Den Gemeindeverwaltern schwebte ein Gesundheitsbad vor, das in Anlehnung an die nahe gelegenen Reinbachwasserfälle den Namen „Cascade“ tragen sollte. Die Kosten wurden auf 12 Millionen Euro geschätzt. Am Ende sollte da­raus eine ganz andere Summe werden.
Ein Jahr später begann mit dem Abriss des alten Sportcenters, einst eine beliebte Diskothek im Pustertal, die Umsetzung der ehrgeizigen Pläne. Im Sommer 2010 stand der Rohbau. Gleichzeitig wurden die Zweifel am Finanzierungskonzept lauter. Das gleiche eher einem Wunschzettel als einem belastbaren Budgetplan, hieß es. Die schärfste Kritik kam von der Opposition. Das Bündnis Taufers 2010 war wenige Monate zuvor mit sechs Leuten in den Gemeinderat eingezogen. Für mehrere Millionen Euro, brachte Oppositionsführer Haymo Laner das Problem auf den Punkt, gebe es keinerlei verbindliche Zusagen.
Kein Grund zur Sorge, entgegnete der Bürgermeister in regelmäßigen Abständen. Man solle nicht meckern, sondern auf das bereits Geleistete schauen. Doch schon wenig später fühlten sich die Kritiker bestätigt. Im April 2011 musste die Gemeinde einen Kredit über 3,5 Millionen Euro aufnehmen. Nun äußerten nicht mehr nur die politischen Gegner ihre Bedenken. Auch innerhalb der SVP regte sich Widerstand. Es folgten Rücktritte, Gegenstimmen und immer neue Rückschläge.
Zur gleichen Zeit geriet auch auf der Baustelle einiges aus den Fugen. Mayr Fingerle, der Architekt, sprach von „unüberwindbaren Differenzen“, die Zusammenarbeit endete im Streit. Anwälte mussten Honorarforderungen eintreiben, der Architekt wurde nicht mehr zu Sitzungen eingeladen. Auf der Baustelle wurde ohne ihn weitergebaut.
Im September 2011 wurde das Hallenbad eröffnet. 130.000 Gäste jährlich wurden prognostiziert, 50 Arbeitsplätze sollten entstehen. Daneben sollte das Projekt Sand in Taufers eine neue Identität geben: Man lebe nicht nur von der Landschaft, sondern auch von moderner Infrastruktur. Währenddessen waren die Baukosten weiter gestiegen, die Finanzierung stand jedoch auf wackeligen Beinen. Es fehlte das Geld privater Sponsoren, mit denen die Gemeinde fest gerechnet hatte. Der geplante Verkauf von Kubatur war gescheitert, erhoffte Landesbeiträge blieben aus. Gleichzeitig fehlte im Rathaus plötzlich Geld für die Sanierung von Wasserleitungen, Straßen und Kindergärten.
Monate später folgte der nächste Rückschlag: Der Winter setzte dem Neubau zu. Hinter den Gipsplatten der Außenfassade und unter dem Dach bildete sich Eis. Teile der Dachkonstruktion drohten abzubrechen und mussten ersetzt werden.
Trotz allem verkündete Bürgermeister Innerbichler selbstbewusst: „Wir stehen finanziell gut da.“ Gleichzeitig legte die Hallenbadgesellschaft Sportcenter GmbH ihre Bilanz im Gemeinderat vor. Das Fazit war ernüchternd: zehn Millionen Euro Schulden.
Am Ende kostete die Cascade nicht 12, sondern 22 Millionen Euro. Damit stürzte das Projekt die Gemeinde in eine finanzielle und zugleich gesellschaftliche Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Denn es fehlt nicht nur das Geld im Haushalt, um andere Vorhaben voranzubringen. Es fehlt auch eine gemeinsame Erzählung darüber, was die Cascade eigentlich ist.
Die Cascade erzählt von der Verführungskraft großer kommunaler Prestigeprojekte. Von Bürgermeistern, die eine Gemeinde wie ein Unternehmen führen wollen, von Gemeinderäten, die sich ein Denkmal schaffen, von Mut und Überheblichkeit.
Eine einfache Lösung gibt es nicht. Man könnte das Hallenbad abreißen und den Schuldenberg abtragen – vermutlich wäre das die kostengünstigste Variante. Andererseits steht die Cascade längst. Sie ist betriebsbereit, architektonisch gelungen und für viele zu schade, um sie niederzureißen. Gleichzeitig sind Betrieb und Instandhaltung so aufwendig und teuer, dass sich kaum jemand diese Aufgabe dauerhaft zutrauen möchte.
Der amtierende Bürgermeister Josef Nöckler, gelernter Buchhalter, rechnet vor: Die Cascade verursacht Tag für Tag einen Verlust von rund 2.400 Euro. Und so bleibt am Ende jene Frage, die weit über Sand in Taufers hinausweist: Wie löst man einen gordischen Knoten, den man selbst geknüpft hat?
Seinen ersten großen öffentlichen Auftritt hatte Nöckler im April 2015. Wenige Wochen vor der Gemeindewahl erhob er sich bei einer Bürgerversammlung von seinem Sitzplatz und begann zu rechnen. Jahr für Jahr addierte er die Verbindlichkeiten der Gemeinde zusammen, bis er bei einer Summe von 30 Millionen Euro angekommen war.
Bürgermeister Innerbichler widersprach entschieden. Es war mehr als eine Debatte über Zahlen. Es war der Start in eine neue politische Ära, die Sand in Taufers bis heute prägt.
Wenig später wurde ein neuer SVP-Bürgermeister gewählt, Nöckler zog als Oppositionspolitiker in den Gemeinderat ein. Die politische Stimmung war aufgeheizt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Unabhängig davon, ob die SVP oder das Bündnis Taufers 2010 die Gemeinde regiert: Sobald es um die Cascade geht, werden die Fronten scharf, die Debatten persönlich und die gegenseitigen Vorwürfe unerbittlich.
Im Jänner 2016 musste das Bad erneut für mehrere Monate geschlossen werden. Deckenplatten hatten sich gelöst, offenbar waren für ihre Befestigung die falschen Schrauben verwendet worden. Wieder standen Fragen im Raum: Wer trägt die Verantwortung? Wer haftet für den Schaden? Mit jedem neuen Mangel schien sich die Geschichte der Cascade um ein weiteres Kapitel zu verlängern.
Schließlich blieb der Gemeinde nichts anderes übrig, als einen Irpef-Zuschlag einzuheben, um ein zinsloses Landesdarlehen zu erhalten. Für die Bürgerinnen und Bürger bedeutete das: Einkommenssteuer an die Gemeinde entrichten. Immer häufiger wurde darüber diskutiert, das an sich gelungene, aber kostspielige Hallenbad ganz zu schließen. Aus einem Prestigeprojekt war eine finanzielle
Dauerbelastung geworden.
Wie sehr die Cascade inzwischen die Kommunalpolitik dominierte, zeigte sich bei der Gemeindewahl 2020. Die Wähler entschieden sich für Josef Nöckler als Bürgermeister und drängten die SVP in eine Regierungskoalition. Doch der Pakt hielt nicht lange. Erneut wurde die Cascade zum Zankapfel. Nöckler ließ das Hallenbad schließen, weil er fand, die Gemeinde könne sich den laufenden Betrieb nicht mehr leisten.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die SVP brachte einen Misstrauensantrag gegen den Bürgermeister ein. Es folgten Neuwahlen – wenige Monate später kehrte Nöckler mit einem Wahlsieg ins Bürgermeisteramt zurück.
Seitdem regiert das Bündnis. Ruhe ist dennoch nicht eingekehrt. Im Gegenteil: Die politischen Gräben sind geblieben, das gegenseitige Misstrauen ebenfalls. In den vergangenen Wochen hat sich der Konflikt noch einmal zugespitzt.
Reinhard Innerhofer, ein Vertrauter Nöcklers, hat vor wenigen Tagen seinen (ehrenamtlichen) Job als Alleinverwalter der Cascade an den Nagel gehängt. Es mangle an Unterstützung, von allem Seiten, teilte er mit. Die Enttäuschung ist greifbar. Er wollte die Cascade wieder aufsperren, aber gelungen ist ihm das nicht. Jetzt redet man in Sand in Taufers darüber, ob das Bad einem Hotel weichen oder ob man es zumindest zum Teil in eine Tourismuszone umwandeln sollte. Die Struktur bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Nicht einmal der Naturbadeteich wird im Sommer öffnen.
Bürgermeister Nöckler ist genervt von der nicht enden wollenden Cascade-Debatte. „Alles andere läuft“, sagt er. Sein Ziel ist es, die Gemeinde bis 2030 schuldenfrei zu halten, die Fernwärme zurückzukaufen, die Kindergärten zu erneuern, die Posthäuser in Betrieb zu nehmen und die Irpef wieder zu streichen. Das ist sein Plan. Am Schluss sagt er: „Was ich wahrscheinlich nicht schaffen werde, ist die Cascade wieder aufzumachen.“ Davonlaufen will er trotzdem nicht.

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