Außensicht

Luxus Selbstzerstörung: Der Tod in Rot

Aus ff 41 vom Donnerstag, den 12. Oktober 2023

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir das Leben der Reichen immer recht entspannt vorgestellt, wie einen langen, gemütlichen Spaziergang mit schmerzfreiem Ende. Dahinter steckt eine gewisse Logik: Kinder, die in Kaviardosen geboren, im Crémant-Schaum gebadet und in Leder-Slippern gewickelt werden, sind für Aufregung nicht geeignet. Sie brauchen keinen Stress. Sie brauchen Kunst, die die Wände schmückt; eine Familienstiftung, die diese Kunst vererbt; und eine Regierung, die diese Familien-Kunst-Stiftungs-Konstruktion möglichst gering besteuert. Drei entspannte Hobbys für ein erfülltes Leben.

Umso mehr frustriert mich, wie wenig reiche Menschen ihr Wellness-Leben neuerdings zu schätzen wissen. Sie golfen nicht mehr, im Gegenteil – der Trend geht klar zur Selbstzerstörung. Man konnte es im Juni sehen, als fünf von ihnen in ein klappriges U-Boot stiegen, um das Ende von „Titanic“ nachzuspielen. Man konnte es im August sehen, als Elon Musk darum bettelte, von Mark Zuckerberg im Kolosseum verdroschen zu werden. Und man sah es Anfang Oktober, an einer Staatsstraße, irgendwo in Sardinien.

Ein Schweizer Ehepaar, 67 und 63 Jahre alt, hatte dort die bahnbrechende Idee, mit einem geliehenen Sportwagen und einem indischen Milliardär über die Insel zu brettern und verbotene Überholmanöver zu starten. Ferrari gegen Lamborghini, Schweizer gegen Inder, Wahnsinn gegen Irrsinn. Kurz darauf war das Ehepaar tot, der Milliardär zerknirscht, der rote Flitzer ausgebrannt am Straßenrand. Ein solches Ende muss man sich leisten können.

Sollte man den Rasern nachtrauern? Ich bin unschlüssig. Die einen fliegen ins Weltall, die anderen von der Straße, so ist es eben, wenn einem das Kleingeld auf die Langeweile drückt. Mitleid habe ich mit anderen: Auf der Strecke war auch ein Wohnwagen unterwegs, darin ein Grödner Ehepaar, das vom Ferrari gerammt und nur durch viel Glück nicht verletzt wurde. Was, wenn es sie getroffen hätte? Hätte der Fall unseren Blick auf Milliardäre verändert? Zur Wahrheit gehört: Wenn Lebensmüde und Lebende zusammenprallen, gibt es oft Verletzte – und nicht immer verliert der, der es verdient hätte.

von Anton Rainer | Redakteur im Ressort Wirtschaft beim Spiegel in Hamburg

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