Außensicht

Südtiroler Sanität: Hauptsache, gsund bleibm

Aus ff 13 vom Donnerstag, den 28. März 2024

Sanitäts-Bashing geht ja immer. Am Stammtisch, bei Treppenhausgesprächen, in Müttergruppen. Irgendeine Horrorgeschichte können alle beisteuern; monatelange Wartezeiten, überlastetes Pflege­personal, provisorische Unterbringung auf Krankenhausfluren und unter Patentino-A-Niveau parlierende Ärzte. Geht das Gespräch lange genug, wirft bestimmt jemand noch die Patienten mit Migrationshintergrund in den Topf, die schneller als die Einheimischen und dazu noch gratis drankommen (manche sollen nach ihrem Total-Check-Up wegen eines eingewachsenen Zehennagels noch einen Wellnessgutschein und einen Flachbildfernseher obendrauf geschenkt bekommen haben).

Ich mache da nicht mit. Ich finde den Südtiroler Sanitätsbetrieb nicht ausnahmslos gut, aber doch gut genug. Natürlich gibt es wie überall Luft nach oben, aber jedes Mal, wenn sich jemand über „unsere“ Sanität beschwert, drängt sich mir der Gedanke auf: Was erwartet ihr eigentlich, eine Wellnessbehandlung? Ich bin kein geduldiger Mensch, aber ich warte gerne monatelang auf eine nicht lebensnotwendige Visite. Denn das bedeutet, dass ich nicht krank genug bin, um dringend drangenommen zu werden. Dass es mir gut geht. Dass ich gefälligst dankbar dafür sein sollte. Und dass andere, die den Termin dringender benötigen, vor mir drankommen.

Die Südtiroler Sanität ist wie die Südtiroler Schule: Sie funktioniert auch, wenn es an allen Ecken und Enden hapert, sie zu Tode gespart, schlecht organisiert, verbürokratisiert und von der Politik zwar instrumentalisiert, aber sonst ignoriert wird. Sie funktioniert wegen der Menschen, die dort arbeiten. Das sind die Leute, die wir vor vier Jahren vom Balkon aus beklatscht und heute schon wieder vergessen haben, die ohne nennenswerte Erhöhung des Gehalts oder Verringerung der Workload weiterhin die wichtigste Arbeit überhaupt machen – uns gesund zu machen. Deshalb empfinde ich es als unverschämt, sich so verallgemeinernd über die Sanität zu beschweren. Denn dazu gehören auch und vor allem die Menschen.

von Bettina Conci | Schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes und Kontroverses

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