die Aufgabe von Journalismus ist es, Fragen zu stellen und – im besten Fall – Antworten auf diese Fragen zu finden. Manche Fragen stellen sich in ...
Außensicht
Identitäts-Debatten: Südtiroler, bekennt euch
Aus ff 23 vom Donnerstag, den 05. Juni 2025
Die Heimat holt einen manchmal in den unwirklichsten Momenten ein. Morgens um halb zehn in Hamburg zum Beispiel, in einer Redaktionssitzung vor ein paar Wochen, als ein Chef vom Dienst plötzlich ein Thema in die Runde warf: „Angeblich soll Südtirol wegen Meloni jetzt nur noch Alto Adige heißen. Kann sich das jemand anschauen?“ Ich saß da und war baff, so absurd war die Situation. Ich hatte 1.000 Kilometer, drei Zeitungen und sechs Jahre Arbeit hinter mich gebracht. Und am Ende musste ich immer noch deutschtümelnde Fake News meiner Landsleute entkräften.
Vielleicht war es Naivität oder kindlicher Optimismus, aber ich hielt die großen Südtiroler Identitätsdebatten eigentlich nicht für ein Export-, sondern für ein Auslaufmodell. Als ich im Herbst 2011 bei der Volkszählung half, gab es Menschen, die vor meinen Augen ihr Sprachgruppen-Formular zerrissen, aus Protest gegen Proporzdenken. Ich hielt sie für Propheten einer Ära der Entspannung. Von Bomben zu Paketen zu Pro-und-Contra-Sendungen zu irrelevanten Leserbriefen 70-jähriger Obmänner – ungefähr so hatte ich mir die Entwicklung vorgestellt.
Stattdessen haben wir 2025 und das Land versinkt in Symbolen: Trägt die Meraner Bürgermeisterin die richtige Schärpe? Hat Alessandro Urzí die Schutzmacht beleidigt? Kocht Jannik Sinners Cousin dritten Grades die Carbonara ohne Sahne? Das Theater eskaliert auf beiden Seiten: bei denjenigen, die uns zurück in Katakomben wähnen. Und denen, die schon den Akzent eines Tennisspielers als Angriff auf die nationale Einheit empfinden.
Vielleicht kommen Identitätsdebatten ja in Zyklen, wie Wirtschaftskrisen und Low-Carb-Diäten, und ich war ähnlich gutgläubig wie Leute, die nach dem Kalten Krieg vom „Ende der Geschichte“ faselten. Naiv sind aber auch die Identitätskrieger: In nervösen Jahren schreinern sie die engsten Schubladen und versprechen, dass alles kuschelig wird, wenn wir uns erst mal reinlegen. Dabei erstickt man darin nicht schöner, nur schneller.
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
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