Außensicht

Athesia und das Kaufhaus: Billig im Einkauf

Aus ff 31 vom Donnerstag, den 31. Juli 2025

Die Nostalgie ist eine gefährliche Falle. In der Rückschau werden Dinge, über die man sich eben noch grün und blau geärgert hat, plötzlich salbei- und pastellfarben. Es war ja alles ganz lustig, denkt man, und liest noch einmal alte Dolomiten-Ausgaben aus dem Sommer 2015. Das Verlagshaus Athesia hatte damals über sein Tagblatt einen Mehrfrontenkrieg angezettelt, oft trugen die Artikel nicht mal Autorennamen, weil die Kampagnen von ganz oben kamen. Ob Flughafen oder Brennercom, Verfassungsreform oder Volkspartei-Fehden – vor zehn Jahren war die Dolomiten ein Kampfblatt für die Interessen des Verlags, vielleicht mehr als je zuvor und danach. Nirgendwo wurde das deutlicher als beim Streit um das Kaufhaus Bozen.

Alles, was zwei Beine hatte und dieses Bauwerk hasste, wurde 2015 in der Dolomiten gefeiert. Da wurden Kavallerie (Kaufleute, Vereine, Rudi Benedikter) und Artillerie (hds, SVP Bozen) in Stellung gebracht und auf Seite eins klebten Sticker der Kaufhaus-Gegner. So heftig war der Ton, dass das Tagblatt an einem Tag nicht weniger als elf Gegendarstellungen drucken musste. Und als ein verärgerter René Benko einen Werbeauftrag pausierte, mutierte Chefredakteur Toni Ebner zur journalistischen Jeanne D‘Arc: Man sei den Lesern verpflichtet, nicht „irgendwelchen Kaufhausbetreibern“.

Zehn Jahre später ist Ebner in Rente, Benko in Haft und Falkensteiner am Ruder, die Zeiten sind andere. Und pünktlich zur Teileröffnung des Waltherparks samt Boutique-Hotel und Sushi-Rooftop-Bar schlägt auch die „Dolo“ neue Töne an. Ist das Kaufhaus noch immer der Ruin für die Stadt? Ach wo, es ist ein Juwel, das „international Maßstäbe setzt“, die Fassade „pastellig, hell, offen“, die Glasfront füge sich harmonisch in die Stadt ein – „urban, kosmopolitisch und voller Wow-Momente“. Yeah!

Schade, dass sich Benko an dieser 180-Grad-Wende nicht mehr erfreuen kann, vermutlich könnte er sie sich auch nicht mehr leisten: „Bezahlte Reportage“ steht über einer Titelgeschichte im Dolomiten-Magazin, als wäre das nicht ein Widerspruch in sich. Aber der Kampf war eben gestern, heute stellt man die Liebe in Rechnung.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

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