Außensicht

Doppelmoral: Diese Leute

Aus ff 32 vom Donnerstag, den 07. August 2025

Sonntag, 10:12 Uhr. Ich will Knödel essen – auf meiner Alm. Der Startpunkt ist fünf Kilometer von zu Hause entfernt, mehr Tradition als Ausflug. Früher war der Parkplatz halb leer und gratis. Heute? Randvoll. Und kostenpflichtig. Parken und schnell rauf zur Hütte. Aber dort wie befürchtet: die Bänke voll. Ein Wimmelbild aus Funktionskleidung, Trekkingstöcken und Selfiearmen.
Nach ewigem Warten kriegen wir einen Platz. Zwischen nörgelnden Kindern, einer schwitzenden Familie und einem Pärchen, das seinen Kaiserschmarrn fürs perfekte Foto ausrichtet. Immerhin: Die Knödel sind richtig gut. Und bezahlbar, was inzwischen in Südtirol fast ein Wunder ist. Satt, aber genervt, stapfe ich zurück – mit zig anderen Touris.
Was zu viel ist, ist zu viel. Es muss sich etwas ändern. Weniger Autos. Weniger Urlauber. Weniger Masse. Mehr Qualität. Alle sind gefragt: Politiker, Touristiker und diese Leute, die da kommen. Moment mal. Diese Leute? Auch ich bin diese Leute.
Ich bin die, die sich in Island mit Thermoskanne und Panino neben den Weg setzt (ja, ich weiß, verboten, aber es war nur kurz!). Die, die in Angkor Wat mit tausend anderen auf den perfekten Sonnenaufgang wartet – und auf das noch perfektere Foto. Und wenn ich es irgendwann nach Peru schaffe, werde ich die sein, die sich mit Selfiestick durch die Inkamauern quetscht und über den Ticketpreis schimpft.
Im Urlaub gelten andere Regeln. Man zahlt acht Euro fürs Eis, weil’s halt am Bondi Beach ist. Man stellt sich freiwillig an, um auf einen Turm zu steigen, den man daheim ignoriert. Man fährt drei Stunden für eine einstündige Wanderung. Man trägt Outdoorjacken, nur um zur Aussichtsplattform zu gehen.
Man will was sehen und festhalten. Aus jedem Winkel und mit sich selbst im Vordergrund. Deshalb: Ja, wir brauchen Regeln. Müll in den Rucksack. Natur ist kein Freizeitpark. Respekt kein Mitbringsel, sondern Voraussetzung. Aber wir sollten aufhören, so zu tun, als wären wir immer nur Gastgeberinnen – und nie Gäste. Denn Ferragosto naht. Und mit ihm: wir.

von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.