Außensicht

Schönheitsideale: Ungefiltert

Aus ff 33 vom Donnerstag, den 14. August 2025

So ein Besuch im Freibad, das habe ich an diesem brütend heißen Wochenende gemerkt, der tut nicht nur gut, um sich abzukühlen. Das Freibad ist auch einer der wenigen Orte, an denen wir daran erinnert werden, wie perfekt unperfekt der menschliche Körper ist: ein Biotop der Imperfektionen, ein Reservat der Unzulänglichkeiten. Wo sieht man sonst, wie Menschen wirklich aussehen, von Kopf bis Fuß, kaum verhüllt? Online, wo sich unser Leben mehr und mehr abspielt, sicher nicht. Dort werden wir nonstop zugespamt mit retuschierten, hochpolierten, KI-getunten Gesichtern und Gliedmaßen: optimierte Profilbilder, gefilterte Videoanrufe, glattgestrichene Urlaubsfotos.
Man könnte darüber beinah vergessen, wie die Wirklichkeit aussieht. Und die offenbart das Freibad gnadenlos: Hier gibt es keine Ringlichter, keine Weichzeichner. Da knallt die Sonne vom Himmel und legt offen, was wir allzu gern verbergen möchten: Dellen, Wülste, Altersflecken. Bauchansätze, die fortschreiten, und Haaransätze, die zurückgehen. Überhaupt, Haare! Dort, wo sie nicht sein sollten (laut gängigem Schönheitsideal), oder eben keine, wo sie bitteschön hingehörten. Man sieht große, kleine, dicke, dünne, alte, junge Körper; Körper in all ihren Eigen- und Besonderheiten, eine Bandbreite, die so gar nix zu tun hat mit dem genormten Einheitsbrei, den man uns medial vorsetzt.
Man sieht den Körpern die Lasten an, die sie geschultert haben, die Genüsse, die man ihnen gegönnt hat, die Narben, die sie davongetragen haben. Und kommt nicht umhin zu denken, dass jeder Körper in seiner Einzigartigkeit und Verletzlichkeit liebenswert ist. Vielleicht nicht schön im gängigen Sinne, und auch nicht begehrenswert, aber anrührend in seiner Unvollkommenheit. Und uns anzurühren, das schaffen die glatt gebügelten Bilder aus Facebook, Instagram & Co. nicht: Die schaffen Neid, Bewunderung, Unzufriedenheit mit sich selbst, aber keine Nähe. Mögen sie uns noch lang erhalten bleiben, die Freibäder, Strände und Saunen, als Gegengift zur durchgestylten Illusion einer Vollkommenheit, die nichts Menschliches hat. 

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