(ul) Wenn wir über Krieg reden, blicken wir nach Gaza, in die Ukraine – aber weniger in den Sudan. Dabei spielt sich dort eine humanitäre ...
Außensicht
Veranstaltung: Der Wetterschmäh
Aus ff 43 vom Donnerstag, den 23. Oktober 2025
Der Bürgersaal in Meran ist ein etwas in die Jahre gekommener Versammlungsort. Zu Jugendzeiten haben wir uns dort immer in die Sessel gefläzt, um Wurstbrot mampfend Schülerversammlungen abzuhalten. Dieser Tage kommt es dort nun zu einer Veranstaltung, die zu überstehen ich wohl Beruhigungsmittel statt Wurstbrot bräuchte: „Der Wetterkrieg über unseren Köpfen“ titelt der Flyer, bebildert ist er mit einem harmlosen Kondensstreifen, ach was: bedrohlichen Chemtrails, und wenn sich Ihre Stirn nicht schon beim martialischen Header in Falten gelegt hat, fällt Ihnen spätestens beim Lesen der Ankündigung die Kinnlade runter: „Geoengineering ist Realität und es betrifft die ganze Welt! Einen menschengemachten Klimawandel, wie ihn der Mainstream uns weismachen will, gibt es nicht!“
Nein, nein und doch!, will man angesichts so viel Stumpfsinns in nur zwei Sätzen rufen. Organisiert wird der Abend von der bereits in der Vergangenheit auffällig gewordenen Vereinigung „WIR NOI“; Referent ist ein Ingenieur, über den man online kaum etwas findet, schon gar keine „offiziellen“ Veröffentlichungen.
Heiliger Schwurbelatius! Dass es solche Veranstaltungen gibt, ist angesichts der bitteren Realität Klimakatastrophe tragisch. Dass Menschen dafür 20 Euro Eintritt bezahlen, ist verrückt. Dass die Stadtgemeinde Meran dafür aber den Bürgersaal zur Verfügung stellt, komplett unverständlich. Ist man sich dort nicht der Verantwortung bewusst, die man trägt? Wie kommt man dazu, Verschwörungstheoretikern ein Podium zu geben, von dem aus sie Unwahrheiten und Panikmache streuen können? Ich kann es mir nur mit einem falsch verstandenen Toleranzbegriff und einer verqueren Auslegung von Meinungsfreiheit erklären: Wer nachweislich falsche Informationen verbreitet, verdient aber weder Toleranz noch die großzügige Auslegung von Letzteren als bloße Meinung, die man halt akzeptieren müsse.
Im Gegenteil: Wir müssen den Mut haben, Lügen als solche zu benennen. Und die Stadtgemeinde Meran sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen, anstatt dabei behilflich zu sein, Menschen in die Irre zu führen.
von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin
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