Außensicht

Kriegslust: „Einen richtigen Krieg“

Aus ff 48 vom Donnerstag, den 27. November 2025

Kriegslust
„Einen richtigen Krieg“
Eine wahre Begebenheit von vor 115 Jahren: Ein 90-jähriger Freund hat sie mir erzählt, und der hat sie von seinem Vater. Die Zeiten waren schlimm, und aus den fernen Hauptstädten trafen wildeste Gerüchte ein. Beim Stampfl in Vintl, einem damals weitum bekannten Gasthaus, saßen Großbauern vom Ort und von Terenten zusammen. Dabei sei es politisch geworden. „Einen Krieg bräucht’s wieder einmal, einen richtigen Krieg“, sollen die Bauern gerufen haben.
Der kam dann, der Krieg. Der Rest ist bekannt. Die Geschichte fällt mir ein, weil mich Angst beschleicht, wir sind wieder so weit. Die Sorge, es könnte noch einmal so kommen. Ich nehme untrügliche Zeichen wahr, wenn nicht von Kriegslüsternheit, so doch von einem lähmenden Fatalismus, es sei nichts mehr zu machen. Die Schicksalsergebenheit, wenn es so weit kommt, dann kommt es halt, und wir machen, was in solcher Lage immer gemacht wurde: Wir rüsten: Wehrpflicht einführen, Wehretat vervielfachen, für Kriegsgesinnung sorgen. Schreckszenario aufbauen: Der Russ will bis zu uns. Die Ukraine ist nur noch der Anlass.
Da ließ sich letzte Woche ein Flugtourismus-Experte auf Rai Südtirol interviewen. Wie es der Flugwirtschaft denn gehe. Keine Sorge, beschwichtigte der Experte: Der Rückgang am zivilen Flugreiseverkehr werde mehr als nur wettgemacht vom Wachstum der Kriegsluftfahrt. Dem Flug-
experten ist nicht bange um die deutsche Wirtschaft: Die viel beklagte Infrastruktur werde kriegstüchtig gemacht. Brücken müssten auf Panzerbreite gebracht, das Schienennetz für schnelle Truppenverschiebungen fit gemacht werden. So redete der Mann daher. Deutschlands Wirtschaftsmotoren Bayern und Baden-Württemberg seien schon überholt worden von den bisherigen Armenhäusern Bremen und Mecklenburg im Norden. Dank Rüstungswirtschaft.
Europas Kummer ist momentan die Gefahr, Amerika und Russland könnten über die Beendung des Ukraine-
Kriegs handelseins werden. Die blanke Angst erfasst uns, ein fünfjähriger Krieg könnte aufhören, und wir waren nicht dabei. Wir wollten den „gerechten Frieden“. Und sonst Krieg.

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff

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