Thomas Ortler war 25, als er das Flurin eröffnete, ohne Kochlehre, aber mit Geschichte-Studium. Heute leitet er drei Lokale – und freut sich über viiieeel Aufmerksamkeit.
Außensicht
Weihnachten: Das ewige Lied
Aus ff 51 vom Donnerstag, den 18. Dezember 2025
Es soll ja Menschen geben, die bereits bei den ersten Klängen zusammenzucken – und das nicht aus wohliger Freude. „Last Christmas“ ist eines der meistgespielten Weihnachtslieder im Radio überhaupt, es hat in vielen Ländern die Charts getoppt – und wird doch inständig gehasst. So sehr, dass es sogar eine vorweihnachtliche Challenge gibt, die denjenigen zum Sieger erklärt, dem es gelingt, dem Song bis zum Heiligabend zu entgehen. Alle anderen ereilt das „Whamaggeddon“, sie scheiden aus.
Was für ein Frevel! Denn in meinen Augen ist „Last Christmas“ das perfekte Weihnachtslied, viel besser noch als die „Stille Nacht“, die eine Andacht und Besinnlichkeit vorgaukelt, die das durchkommerzialisierte Fest doch schon lang nicht mehr hat. Machen wir uns nichts vor.
„Last Christmas“ mit seinem satt-zufriedenen Synthesizer, den lieblichen Glöckchen, George Michaels Geschmachte über eine unerwiderte Liebe, das ist der wahre Geist von Weihnachten, wie wir es kennen: zuckrig wie übersüßter Punsch, klebrig wie die Küsschen von Freunden und Verwandten, ein bisschen Wehmut über vergangene Lieben, die jetzt mit jemand anderem feiern, und über zukünftige Kilos, die drauf warten, sich an die Hüften zu heften.
Und die Nostalgie: Weihnachten war in der Kindheit doch erst, wenn der Wurlitzer – Gott hab ihn selig – „Last Christmas“ rauf und runter spielte, samt dazugehörigem herzerwärmendem Videoclip: Junge Menschen mit viel zu großen Frisuren, die in 80er-Jahre-Skitutas gewandet wie junge Hunde im Pulverschnee tollen; die dumme Kuh, die den Klunker vom Verschmähten im Jahr drauf einfach dem neuen Lover weiterschenkt; der Herzschmerz („I gave you my heart, but you gave it away“) und doch diese Zuversicht, an der wir uns ein Beispiel nehmen können: Dieses Jahr schenk ich mein Herz jemandem, der es sich wirklich verdient hat. Nicht im Frust verweilen, sondern optimistisch nach vorne blicken. Denken Sie dran, wenn es das nächste Mal fröhlich aus dem Radio bimmelt. Frohe Weihnachten!
von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin
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