In Bozen eine Bleibe zu finden, wird immer schwieriger. Derweil stehen viele Gebäude leer. Eine Tour durch die Geisterstadt.
Außensicht
Neues Jahr: Nudelsuppe, Wurst und viel Rauch
Aus ff 01 vom Freitag, den 02. Januar 2026
Willkommen am zweiten Jänner. Dem Tag, an dem das neue Jahr zum ersten Mal real wird. Die Vorsätze sind noch da, aber längst nicht mehr glänzend. Einige sind schon vergessen, andere verschoben, viele heimlich über Bord geworfen. Das Jahr ist keine 48 Stunden alt und fühlt sich schon erstaunlich nach Niederlage an. Da sitzt man zwischen Resturlaub und Raclette und fragt sich, warum die Motivation noch immer nicht in Sicht ist.
Die Tage zwischen Weihnachten, Silvester und Heilig Drei König sind eine Zumutung. Zeitlich endlos, emotional überladen und mit einer irrsinnigen Erwartungshaltung versehen. Zwischen Familie, Freunden und Festen soll man plötzlich wissen, wie man zur besten Version seiner selbst wird.
Kein Wunder, dass jetzt geräuchert wird. Vor allem immer mehr junge Menschen greifen zu Kräutern und Harzen, schreiben Wünsche auf kleine Zettel: Die Raunächte haben Hochsaison. Das alte Jahr wird symbolisch entsorgt, in Rauch aufgelöst. In den sozialen Medien steigt dieser Rauch besonders schön auf. Rituale sind schön. Sie geben Halt, Orientierung und manchmal sogar Ruhe. Problematisch wird’s, wenn aus freiwilligem Innehalten eine Pflicht wird. Wo selbst das Loslassen geplant und optimiert werden muss. Dann sind die Raunächte kein Gegenmittel zur Hektik, sondern Teil davon.
Wobei bei uns ja seit jeher geräuchert wird. Ganz unspektakulär, zu Heilig Drei König etwa. Dazu sagen wir ganz lapidar „rachen“. Kein Zettel, kein Ritualhandbuch, kein deklarierter Neubeginn. Weihrauch zieht durch die Räume, es wird gebetet, danach gibt’s Suppe mit Nudeln und Wurst. Weniger geheimnisvoll, aber auch ohne den Anspruch und den Druck, alles neu erfinden zu müssen.
Wer räuchern will, soll räuchern. Still oder öffentlich, modern oder traditionell. Vielleicht reicht es aber auch, den Rauch einfach aufsteigen zu sehen, ziehen zu lassen und so weiterzumachen, wie es bisher gut funktioniert hat.
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
Weitere Artikel
-
-
Thomas Tribus beantwortet den ff-Fragebogen
Der selbstständige PR- und Marketing-Consultant liebt den Geruch von frischem Kaffee und Brot und kann ziemlich gut Werner Herzog imitieren. Ihre ...
-
Simone Giannelli
(doc) Was hat der Mann nicht schon alles gewonnen: drei italienische Meisterschaften, zwei Italienpokale, drei Supercoppe italiane, einmal die ...
Leserkommentare
Kommentieren
Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.