EU-Wiederaufbaufonds: (avg) Die Milliarden, mit denen die Europäische Union Italiens Wirtschaft nach der Corona-Pandemie wieder ...
Außensicht
Schweizer Unglück: Menschenfallen
Öffentliche Trauer ist eines der ungerechtesten Gefühle, weil sie schamlos diskriminiert: nach Alter, Geschlecht, Nähe. Wir trauern anders über einen toten Nachbarsjungen als über einen 90-Jährigen, anders über Laura Dahlmeier als über Felix Baumgartner und anders über Brigitte Bardot als über, sagen wir, den Papst. Unsere Gefühle sagen nichts aus über den Wert eines Menschen, aber viel über die Grenzen unserer Aufmerksamkeit: Wem gelten unsere Tränen und warum?
Am Silvesterabend starben in einer Schweizer Bar 40 Menschen, viele davon minderjährig. Die Trauer darüber war zu Recht überwältigend: Denn ihr Tod war vermeidbar, in einem der reichsten, bestkontrollierten Länder der Welt, mutmaßlich verursacht durch Schaumstoff, den ein Betreiber fahrlässig an die Decke geklatscht hatte. Die Trauer war aber auch erstaunlich: Wenige Tage vor der Brandhölle in Crans-Montana ertranken bei einem Bootsunglück dreimal so viele Personen im Mittelmeer. Nach allem, was man weiß, waren sie ungefähr im selben Alter: 116 Kinder, Jugendliche, Frauen. Den einen wurde das Feuer zum Verhängnis, den anderen das Wasser – Menschenfallen da wie dort.
Doch zu den Toten vor den Toren der Festung Europa gab es keine Tränen, kein Land hat eine Staatstrauer verkündet, keine Fahne hing auf halbmast. Ihre Körper werden nicht geborgen, nicht beerdigt werden, eine Aufarbeitung findet nicht statt. Woran liegt das, wenn nicht an Alter und Geschlecht? Die Nähe bleibt: Wir können uns vorstellen, wie es ist, in einer engen Bar das neue Jahr zu feiern, betrunken Champagnerkerzen an die Decke zu halten. Selbst für den Betreiber empfinden wir Mitleid: Konnte er ahnen, dass Schaumstoff derart brennt? Viele von uns haben schon Häuser gedämmt, niemand saß je in einem Flüchtlingsboot, die libysche Küste könnte genauso gut am Mond liegen.
Die Toten sehen aus wie wir, aber sie sind es nicht. Man sollte diese ungerechte Trauer nicht verurteilen, niemand sucht sich aus, für wen er weint. Besser wäre es, man kämpfte für die Lebenden: Schweizer Bars werden nach 2025 sicherer werden. Sollten wir fürs Mittelmeer nicht dasselbe fordern?
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
Weitere Artikel
-
-
„Noch viel offen“
(avg) Peter Moosmair von der Schulgewerkschaft SSG über das Tauziehen mit dem Land um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. ff: So bald wie ...
-
Operation Aussitzen
Der Zustand der Natur soll laut EU verbessert werden. In Südtirol hat man mit dem Wiederherstellungsplan keine Eile.
Leserkommentare
Kommentieren
Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.