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Außensicht
Kaltern: Wenn der See alle trägt
Aus ff 03 vom Donnerstag, den 15. Januar 2026
Kaum war der Kalterer See zugefroren, waren sie da. In Scharen, von überallher. Logisch, im Netz, in den Medien, überall wurde es groß verkündet: Das Eis trägt. Das konnte man gar nicht überhören.
Es ist auch etwas Besonderes, auf dem größten See des Landes Schlittschuh zu laufen, gerade jetzt, wo der Winter sonst eher symbolisch stattfindet. Also rauf aufs Eis. Da wird gelaufen, Hockey gespielt, Kinder werden auf Schlitten gezogen. Manche picknicken sogar. Andere stehen einfach nur da und schauen.
Und dann dieses Geräusch. Dieses Singen. Haben Sie das schon einmal gehört, wenn ein See spricht? Beeindruckend. Und ein bisschen unheimlich. Als würde jemand unter der Eisdecke mit einem Laser spielen. Man hört es, bleibt kurz stehen, dann knackt und knirscht es und man fährt erschrocken weiter. Vertrauen ins Eis ist alles. Am Wochenende ist trotzdem jemand eingebrochen, die Gefahr ist da. Das gehört auch zur Wahrheit.
Was diese Tage aber noch zeigen: Im Winter gehört der See plötzlich allen. Man fährt hin, parkt, geht runter. Ohne Eintritt. Ohne Schranke. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne Ärger. So wie bei allen anderen Seen im Land. Man bewegt sich frei. Während man übers Eis gleitet, sieht man sie ganz deutlich: die vielen privaten Zugänge. Stege, Leitern, kleine Stücke Sommer. Jetzt liegen sie offen da, zwischen Schilf und Ufer, niemand bewacht sie.
Damit ist sie wieder da, die ewige Diskussion, die durch die Bevölkerung geht wie ein Spalt im Eis. Wem gehört der Kalterer See? Die einen sagen: allen. Vor allem jene, die nicht hier leben. Die anderen sagen: Privat ist privat. Das müsse man akzeptieren. Außerdem sei ein freier See für alle kaum umsetzbar, sagt der Bürgermeister.
Beim Verwaltungsgericht liegt eine Klage von Verbraucherschützern. Sie fordern freien Zugang für alle. Im Sommer wird man sie wieder hören, laut und zuverlässig, zwischen Badehandtuch und Parkplatzsuche.
Noch aber ist es eisig kalt, und das Eis trägt. In diesen Wintertagen gehört der See allen.
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
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