Außensicht

Zweitsprache im Kindergarten: Schreibabys

Aus ff 04 vom Donnerstag, den 22. Januar 2026

Über die Politik heißt es oft, sie sei wie ein Kindergarten, was eine grandiose Beleidigung jedes Kindergartens ist. Dort schickt man Quengel-Liesen in eine weiche Spielecke, auf dass sie Perlen auffädeln und ihre Tränen trocknen dürfen. In der Politik sind die Ecken hart, zeternde Kinder haben keine Chance auf Trost. Stattdessen muss, wer in der Landtags-Mäusegruppe betreut wird, immer weiter schreien, lauter und lauter, und sich am Ende spielerisch die Köpfe einschlagen.

Von Nestwärme versteht die Politik also wenig und schafft es dennoch in schöner Regelmäßigkeit, ihre Konflikte in fremde Sandkästen zu verlagern. Villanderer Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein paar Brocken Italienisch lernen? Der Abgeordnete Hannes Rabensteiner nutzt seine paar Brocken Deutsch, um eine italienweite Kontroverse loszutreten. Drei Viertel der Südtiroler wünschen sich eine Zweitsprache im Vorschulunterricht? Die Süd-Tiroler Freiheit, angeblich so volksnah, schimpft über „Sprachexperimente“ und „Identitätszersetzung“. Und niemand weit und breit, der ihnen den Schweigefuchs zeigte.

Populisten sagen, man solle die Kinder Kinder sein lassen. Schön wär’s, sie hielten sich selbst daran: Seit Jahren setzt die Süd-Tiroler Freiheit Kindergärten mit Landtagsanfragen unter Druck und empört sich über den Anteil von Ausländern, von dem ansonsten kein Mensch Notiz nähme. Aber die Partei kennt sich natürlich besser aus: Bebildert wurden die hyperventilierenden Pressemitteilungen jahrelang mit einem Kind aus Tijuana, Mexiko. 2024 bemerkte man das schiefe Bild und tauschte es – gegen eine Spielgruppe aus Südafrika. Ein Jahr später zogen dieselben Leute aus, um „genderideologiebasierte Kinderbücher“ aufzuspüren (Horror-Beispiel: „Mimis kunterbunte Welt“) und stellten dafür eine Meraner Kita mit Namen und Adresse an den Online-Pranger. Ist das noch Experiment oder schon Zersetzung? Deutsch sollen die Kleinen können, behauptet die Süd-Tiroler Freiheit, aber es wirkt, als sollten sie vor allem das Streiten lernen. Die einzige Zweitsprache, die man bei Kindern toleriert, ist der Konflikt. Sonst wären sie als Wähler am Ende ja gar nicht zu gebrauchen.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.