Elisabeth von Leon will Kinder und Jugendliche zum Lesen bringen. Da hat sie sich viel vorgenommen.
Außensicht
Toiletten: Olympische Notdurft
Aus ff 05 vom Donnerstag, den 29. Januar 2026
Sinn fürs Wesentliche bewahrt mich davor, mich ablenken zu lassen von Alltäglichkeiten wie dem Polit-Ratespiel „Was wohl Trump heute wieder wollen wird?“. Ich kümmere mich ums Notwendige. Umstandshalber: das Notdürftigste. Damit bin ich bei der Notdurft. Und wenn ich ein bissl schulmeistern darf: Notdurft kommt von Not und (althochdeutsch) thurft, was „das dringend Benötigte“ bedeutet.
Die Treueren unter meinen Lesern wissen damit, was sie hier erwartet: ein Sinnieren über das Recht auf menschenwürdige Notdurft und die Pflicht der öffentlichen Hand, dieses zu garantieren. Ich spreche von ausreichend zumutbaren Toiletten und dem freien Zugang dazu. Eine Selbstverständlichkeit in einem modernen Gemeinwesen, aber Obacht: Gefahr ist in Verzug.
Aufs Thema gebracht hat mich auf einer Zugfahrt durchs Pustertal die krawallige Mobilmachung Richtung Olympia. Alles ist auf Putz und Hochglanz gebracht: Streckenführung, Geleise, Oberleitungen, Anzeigetafeln (Zielbahnhof heißt nicht mehr Bruneck oder Innichen, sondern nur noch Antholz-Anterselva), an den Bahnhöfen tummeln sich frisch von Schuh bis Mütze olympisch uniformierte „Ehrenamtliche Helfer“ und – mein Thema! – allerorts neue, blitzblanke Toiletten. Und, Gipfel der Gefühle: „Während der Olympiade alle gratis!“, verrät mir der Herr von Südtirolmobil.
Ein olympischer Friede für uns Opfer der Notdurft, sozusagen. Freilich kann ich die Frohbotschaft nur so verstehen, dass hinterher unsere Notdurft wieder gegen Bezahlung zu verrichten sein wird. Verkehrte Welt! Wir fahren fast gratis mit Öffis durchs Land. Kein ernst zu nehmendes Bedürfnis bleibt ohne Ermäßigung oder Zuschuss. Für die Notdurft aber, dieses abgründigste aller Grundbedürfnisse, soll bezahlt werden müssen? „Weil sonst jeder sch…ßt, wie er will“, sagt mir der Mobility-Mann. Zahlen zwecks Disziplinierung – es ist wohl die versprochene Nachhaltigkeit der Spiele. Wohlan, genießen wir erst mal die olympische Freiheit am Klo. Und dann, nach Antholz und Olympia, einen unbefristeten Notdurft-Streik! Das wär’s.
von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff
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