Außensicht

Anti-Südtirol-Werbung: Jeder gegen jeden

Ende 2017 begab es sich, dass Prinzessin Amazon nach einem Plätzchen für ihr kommendes Reich suchte. Aus allen Teilen der USA strömten Prinzen zur Brautwerbung an den Hof von Bezos I. und brachten mit sich reiche Geschenke: 8,5 Milliarden Dollar der Prinz aus Maryland, um die Konkurrenz wegzutreten. Ohios Delegation bot eine Steuerbefreiung von 100 Prozent. Georgia wollte eine ganze Stadt „Amazon“ nennen. Und Arizona schickte als Mitgift, kein Witz, einen 6,5 Meter hohen Kaktus.
Kurz gesagt: Es herrschte ein opernhafter Krieg zwischen den Verfeindeten Staaten von Amerika. Die einen putzten sich heraus, um die Prinzessin in ihr Reich zu locken. Die anderen fanden Wege, ihren Mitbewerbern ein Messer ins Auge zu rammen. Warum nur ließ man sich derart spalten?
Jede gute Oper braucht Feindschaft und Verrat, jede gute Gesellschaft kann darauf gut verzichten. Und dennoch blubbern sie immer wieder hoch, zuletzt in Operetten­version: „Tyrol ≠ South Tyrol“ postete die Tirol-Werbung Ende Januar und beleidigte Südtirol darin als Land, in dem es nur „italienisches Flair“ gebe und einen Dialekt, den man unmöglich verstehe. Große Empörung bei den Freiheitlichen, die vermutlich zum allerersten Mal „plumpe Stereotypen“ ablehnten – aber auch bei den Volksparteien, die plötzlich um ihre „Euregio“ bangten. Waren wir nicht mal Freunde? Waren wir, stimmt schon, aber das war, bevor wir zu Produkten wurden.
Auf dem freien Markt sind Regionen keine Schicksals­gemeinschaften, sondern Konkurrenten wie Pepsi und Coca-Cola, wie Ohio und Georgia: ähnliche Produkte, die dringend nach Differenzierung verlangen. Also werben sie für sich wie Fruchtjoghurts, mit Top-10-Listen und Negativbotschaften – Kapitalismus hat Nationalismus noch immer geschlagen: „Spa dir den Weg nach Südtirol“, schreibt etwa die Schlossanger Alp im Allgäu, dort erwarte einen eh nur Stau und Stress. Dass die Tirol-Operette nun ähnlich giftig klingt, überrascht nicht, es ist schlicht die Arie der Verzweiflung: Nordtirol hat weniger Nächtigungen pro Kopf, weniger 5-Sterne-Hotels, billigere Betten. Ich möchte gar nicht wissen, was die IDM posten würde, wäre es umgekehrt.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

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