Schule neu denken? Interview mit Landesschuldirektorin Sigrun Falkensteiner in ff 5/26
Außensicht
Rechtsruck: Sagen, was ist
Es war am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, als der Landeshauptmann in seiner Rede am ehemaligen Bozner Durchgangslager scheinbar Unerhörtes von sich gab: Der heute geläufige, ausgiebig von AfD, Südtiroler Freiheit und JWA verwendete Begriff der „Remigration“ sei bloß ein anderer Ausdruck für „Deportation“, so Kompatscher. Schelte gab es dafür sogleich, und zwar von der Neuen Südtiroler Tageszeitung, die von einem „krassen Vergleich“ sprach: Deportation sei „semantisch eng mit dem Holocaust verbunden“, während Remigration „etwas anderes“ meine, nämlich: „Die Rückführung von Einwanderern in ihre Herkunftsländer“.
Nachdem diese Rückführung nicht freiwillig erfolgt und sich auch nicht nur auf Straftäter bezieht – auch wenn sie so klingt, als würde man hier liebevoll am Händchen genommen und an den heimischen Herd in fremden Landen geführt –, unterscheidet sie sich kaum von der Deportation.
Deportation bezeichnet nämlich nicht bloß die Zwangsverschleppung von Juden in Konzentrationslager, sondern laut Wikipedia generell die „Verschickung, Verschleppung oder Verbannung von Straftätern, politischen Gegnern oder ganzen Volksgruppen mit staatlicher Gewalt“. Wikipedia verrät uns auch, dass Remigration „von der Neuen Rechten als Kampfbegriff und Euphemismus für Vertreibung und Deportation etabliert“ wurde und „Unwort des Jahres 2023“ in Deutschland war. Googeln lohnt sich also, bevor man jemandem übers Maul fährt.
Sprache prägt unsere Welt, unser Bewusstsein von ihr. Wir können ein und denselben Sachverhalt in unterschiedliche Worte kleiden – wir werden ihn dadurch unterschiedlich wahrnehmen und bewerten. Allein schon der Klang: Remigration tönt hell und freundlich: So, wie die Schwalben zwitschernd in den Süden migriert sind, kehren sie bald fröhlich remigrierend zurück.
Deportation hingegen klingt dunkel und bedrohlich, hier schwingt Unheilvolles mit, und genau deshalb wollen wir nicht wahrhaben, dass es jetzt im Gewand des beinah Wellness-Heimaturlaubs wieder aufs Programm kommt.
Lassen wir uns nicht einlullen: Sagen wir, was ist.
von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin
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