Wasser wird knapper, davon betroffen sind auch Schutzhütten, Hotels oder Restaurants. Was wir tun müssen, um nicht bald auf dem Trockenen zu sitzen.
Außensicht
Vergewaltigungsgesetz: „Richtige“ Frauen
Richtige Frauen werden nicht vergewaltigt.“ Der Satz fällt an einem Sonntagmittag auf einem Bozner Platz, während Hunderte gegen die Aufweichung des Vergewaltigungsgesetzes demonstrieren. Ich stehe mit einer der Organisatorinnen etwas abseits, das Mikrofon nach dem Interview noch in der Hand, als sich ein älterer Herr neben uns stellt. Ruhig erklärt er, Frauen seien im Grunde selbst schuld. Man müsse nur sehen, wie sie nachts herumliefen, wie sie angezogen seien. Da wundere ihn nichts. „Und richtige Frauen werden nicht vergewaltigt“, sagt er.
Nicht nur der Inhalt trifft mich. Sondern die Ruhe, mit der er vorgetragen wird. Kein Zorn, kein Zweifel. Nur die selbstverständliche Gewissheit, eine Wahrheit auszusprechen. Wir stehen da. Die Organisatorin geht. Ich sage nichts. Nicht, weil mir Argumente fehlen, sondern weil deutlich wird, wie tief dieses Denken bei manchen verankert ist. Genau dagegen richtet sich der Protest.
Zur selben Zeit erscheint das Buch von Gisèle Pelicot. Eine Frau, die jahrelang von ihrem eigenen Mann betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung ausgeliefert wurde. Keine falschen Kleider. Kein falscher Ort. Kein falsches Verhalten. Nur ein Täter – und viele, die mitmachten. Gisèle machte den Prozess öffentlich und formulierte einen Satz, der bleibt: „Die Scham soll die Seite wechseln.“
In Frankreich gilt inzwischen: Nur Ja heißt Ja. Zustimmung ist beim Sex Voraussetzung. Es gibt keine Interpretation, kein Schweigen, das als Einverständnis gedeutet werden kann. Während des Prozesses in Avignon sagte ein Mann zu Gisèle Pelicot, er schäme sich, ein Mann zu sein.
Das muss er nicht. Niemand soll sich für sein Geschlecht schämen. Aber er muss widersprechen, wenn jemand behauptet, „richtige Frauen“ würden nicht vergewaltigt. Es gibt keine richtigen und falschen Frauen. Es gibt Täter. Und es gibt eine Gesellschaft, die entscheidet, wie sie reagiert.
Ich war an diesem Tag still. Das war ein Fehler. Würde schützt man nicht durch Zurückhaltung. Das nächste Mal werde ich etwas sagen. Nicht, weil ich plötzlich mutiger bin. Sondern weil Wegsehen und Schweigen Teil des Problems sind. Und die Scham endlich die Seite wechseln muss.
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
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