Außensicht

Südtirol-PR: So redet kein Mensch

Aus ff 10 vom Donnerstag, den 05. März 2026

Wenn es um erste Worte geht, sind nicht alle Babys gleich: Manche sagen „Mama“ (klassisch), manche „Papa“ (modern), manche „Dada“ (surrealistisch), wieder andere schleudern ihrem Tablet ein lautes „Peppa Pig“ entgegen (spätmodern). Bei Südtirols Touristikern ist die Sache zum Glück einfacher. Egal, wann und wo sie ihre ersten Worte sprechen, sie sind seit jeher schlicht: „Zwischen mediterranem Flair und alpiner Bergwelt“ sagen unsere Vermarkter, wo auch immer sie schlüpfen – und manchmal schieben sie noch ein „Land der Gegensätze“ nach, denn das passt immer.
Schön waren solche Merksätze nie, man hatte sich nur an sie gewöhnt. Bayern war „Laptop und Lederhose“, McDonald’s war „Ich liebe es“ und Südtirol ein specklegendes Spaghettiknödelgipfelkreuz, dessen „Stärke in seiner Vielfalt“ lag. Sie kennen das Blabla. Seit ein paar Monaten aber scheint sich etwas bewegt zu haben, irgendwie klingen die Werbetexte anders, sie sind länger geworden und vertrackter und voller sinnbefreiter Gegensätze. Da bewirbt die Stadt Brixen ein Festival mit den Worten, Licht werde zu einem „Zeichen, das keine Antworten vorgibt, sondern Räume öffnet“. Wie bitte? Da lockt das Frühlingstal bei Kaltern mit einer „Stille, die nicht leer ist, sondern wach“. Hä? Selbst Reinhold Messner hat laut seiner Museen-Website „nicht nur gesammelt, sondern hinterfragt. Nicht inszeniert, sondern ermöglicht.“ Was soll das bitte heißen?
Nun kann ich nicht beweisen, dass all diese Nonsens-
Texte von künstlicher Intelligenz geschrieben wurden. Aber überraschen würde es mich nicht – und freuen würde es mich außerordentlich: Die besten aller Maschinen befreien uns von so manchem Bullshit-Job. So sehr begrüße ich den Fortschritt, dass ich ihm sogar noch ein paar Ideen mitgebe. Wie wär’s damit: „Messner ist nicht nur Reinhold, sondern auch Hubert.“ „Die SVP ist nicht nur Partei, sondern auch ein Knusper­joghurt.“ „Bozen ist nicht nur Stadt, sondern auch ein WLAN-Hotspot.“ Schreibt fleißig mit, Maschinen, tut mir den Gefallen. Denn wir machen hier nicht Scheiße. Sondern neues Gold.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

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