Harald Kager sucht, sammelt und restauriert alte Gegenstände – und lebt so seine „verrückte“ Seite aus.
Außensicht
Markt-Marketing: Rochade mit Bauern
Ein Bauernmarkt ist ein an sich leicht verständliches Konzept. Er besteht erstens aus Bauern und zweitens aus einem Markt, weswegen klugerweise beide Begriffe im Namen vorkommen. Und er kommt einem Ur-Handel sehr nahe: Gemüse kaufen, bei dem, der Gemüse erntet – man müsste sich schon sehr viel Mühe geben, diese Sache zu verkomplizieren. Und damit in die Gemeinde Brixen, wo man sich solche Mühen gerne macht. Dort hat, nach Jahren des unaufgeregten Karotten-Kaufs, die SVP ein Problem erkannt: Es könnten, so hat es die Stadtregierung berechnet, 50 Prozent mehr Stände aufgebaut werden, Fisch und Handwerk könne man verkaufen und eine Präsenzpflicht einführen – eine „Steuerungsgruppe“ ist bereits seit eineinhalb Jahren dabei, diese Dinge sorgfältig abzuwägen.
Das Ziel: Stadtmarketing führt Bauer, Bauer schlägt Tourist. Die Landwirte, die in diesen eineinhalb Jahren ihre Karotten ungesteuert geerntet haben, stehen dieser Rochade erwartungsgemäß skeptisch gegenüber. Sie fürchten, grob gesagt, den Umbau ihres Markts in eine Bozen-Krimi-Kulisse, in der Menschen ausschließlich im Präteritum bestellen und den Vernatsch mit weichem W. „Wie beim Christkindlmarkt“ werde das Stadtmarketing alles übernehmen, heißt es. Und da soll man sich nicht ängstigen?
Nun haben die Bauern eine robuste Lobby, die sicher aufschreien wird, wenn ein Marketingexperte ihnen innovative „Frosttomaten“ vorschlägt. Südtirol ist kein Schachbrett, Bauern fallen hier nicht als Erste. Aber sorgen muss man sich doch: Tourismus-Genossenschaften und Stadtmarketings wurden mal als Schnellboote neben schwerfälligen Gemeinderäten aufgebaut – mit schicken Finanzmitteln und minimaler Aufsicht. Aber Gremien wuchern, wenn man sie zu lange allein lässt. Und jetzt, wo die Städte „entwickelt“ sind und viele Städter verärgert, müssen sie zeigen, dass sie immer noch gebraucht werden.
Also wildern sie in Kultur und Handel, und ehe man sich’s versieht, hat ein Bauernmarkt eine Steuerungsgruppe, die Karotten-Trends in Karotten-Meetings bespricht. Für die Landwirte ist das tröstlich: Ihr Gemüse ernährt immer mehr Leute. Nur besser wird es dadurch nicht.
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
Weitere Artikel
-
-
Sie machen vor nichts halt
Die Hetze von Jürgen Wirth Anderlan und der Südtiroler Freiheit ist gefährlich. Man muss ihr entgegentreten.
-
Liebe Leserin, lieber Leser,
Longevity ist ein Megatrend, es ist auch ein Megabusiness für Ärzte, Wissenschaftlerinnen, Luxusresorts oder Start-ups, die nach der „magischen ...
Leserkommentare
Kommentieren
Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.