Sylvaner – in Italien wenig getrunken, jedoch von Fachleuten als repräsentativster, ausdrucksstärkster Eisacktaler Wein geschätzt.
Außensicht
Südtiroler Waffenhandel: Supermacht über Nacht
Aus ff 16 vom Donnerstag, den 16. April 2026
Berichte über Südtiroler im Ausland fallen meist in eine von zwei Kategorien. Da ist der Mensch aus kleinem Dorfe, der plötzlich unerhört Karriere macht (Martha Pircher verkauft Wolkenkratzer in Abu Dhabi, Sepp Kofler massiert den japanischen Kaiser ...). Und da ist das Märchen von der großen Romanze, übertragen in digital-feudale Zeiten: Eisacktaler Model X liebt jetzt den Rennfahrer, Völser Influencerin Y liebt den Bauunternehmer und beide lieben die Öffentlichkeit, weshalb sich die Zett für möglichen Wölbungsjournalismus („Sieht man da ein Bäuchlein?“) neue Ortsmarken ausdenken darf. Los Angeles/Marling zum Beispiel, oder Mexico City/Mühlbach.
Beide Kategorien machen mich immer ein bisschen traurig, weil unser Land darin so klein wirkt. Es sonnt sich im Glanz der Welt, dabei ist noch gar nix passiert: Ein Südtiroler, der im Ausland arbeitet und heiratet, hat nichts Berichtenswertes geleistet – er tut dasselbe, nur woanders. Entsprechend elektrisiert war ich vergangene Woche, als ich von dem Waffenhändler Manfred Gruber aus Auer las. Er tat, was sonst niemand tat. Keine schale Liebe, keine lahme Karriere, nein, „100.000 Kugeln“ Munition im Wert von 540.000 Dollar soll der Mann gefunden haben, um sie über Kirgisistan nach Russland zu schleusen, damit die Russen damit auf Ukrainer schießen. Wow!
Seit der liebe Manfred in New York vom FBI verhaftet wurde (und sich schuldig bekannte), lese ich in allen Medien von seinen Schandtaten – und davon, dass in Südtirol natürlich niemand davon gewusst habe. Maximale Distanzierung! Schade, denn gerade hier wäre doch einmal Stolz angebracht: Wann war in Auer das letzte Mal so viel Geopolitik?
Wann standen sich Bozner Iveco-Militärfahrzeuge und Unterlandler Munition je auf einem Schlachtfeld gegenüber? Und warum will die Zett nicht wissen, wie Gruber seinen kirgisischen Komplizen lieben lernte und wie sie ihre Fernbeziehung meistern? Seine Taten sind eh schlimm, aber ihre Effekte nicht zu unterschätzen: Ein Land, dessen Leute beide Seiten eines Konflikts bewaffnen und so von jedem Schuss profitieren, denkt nicht länger wie eine kleine, bedauernswerte Provinz – sondern wie eine echte Supermacht.
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
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