Außensicht

Bildung im Dorf: Kühe statt Kinder

Arlette steht so rum. Abondance auch. Amsel zupft am Gras, Amandine schaut ein wenig teilnahmslos, und Abeille wird wohl gleich einen ordentlichen Kuhfladen hinterlassen. Sie gehören zu einer Kindergartengruppe im Elsass. Oder anders gesagt: Fünf Kühe zeigen ziemlich eindrucksvoll, wo das System nicht funktioniert.
In einem Dorf mit 1.600 Einwohnern sind sie jetzt die Stars: Sie retten Kindergärten.
Dort drohte einer zu schließen, weil zu wenige Kinder eingeschrieben sind. Und weil Regeln nun mal Regeln sind, hat der Bürgermeister kurzerhand fünf Kühe angemeldet. Mit Namen, ganz offiziell. Sie stehen jetzt vor dem Kindergarten und erfüllen die entscheidende Voraussetzung: Sie sind da.
Man kann darüber lachen, und wahrscheinlich sollte man das auch. Weil es so herrlich absurd ist. Und genau daran merkt man, dass etwas nicht mehr stimmt.
Natürlich braucht es klare Regeln, ohne sie geht es nicht. Aber irgendwo zwischen „alles egal“ und „kein Millimeter Spielraum“ ist uns etwas verloren gegangen: der Hausverstand und das Augenmaß. Heute gibt es Formulare und Grenzwerte, die manchmal am Leben vorbeigehen. Am Ende zählt nur die Zahl. Mit dem Ergebnis, dass plötzlich fünf Kühe vor einem Kindergarten stehen und einfach weiterkauen.
Ich bin selbst in so einem kleinen Dorf groß geworden. Drei Kinder in meinem Jahrgang, immer gemeinsam mit anderen Altersstufen in der Kindergartengruppe und später in der Klasse. Auf dem Papier? Kaum zu rechtfertigen. Im Alltag? Es hat einfach funktioniert.
Klar, das kostet. Kleine Strukturen sind teuer, schwer zu erklären in Tabellen und Budgets. Aber ein Dorf ohne Kindergarten oder Schule verliert mehr als eine Einrichtung. Es verliert ein Stück Leben. Vielleicht bräuchte es also hin und wieder jemanden, der nicht nur rechnet, sondern auch hinschaut. Bis dahin stehen sie weiter da: Arlette, Abondance, Amsel, Amandine und Abeille. Und ganz ehrlich – wenn es Kühe braucht, damit ein Kindergarten offen bleibt, dann stimmt die Rechnung sowieso nicht mehr.

von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin

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