Außensicht

Dialekt im Landtag: Vill anders geredet

Kreuze ich letzten Donnerstag auf der Straße den Landtagspräsidenten Arnold Schuler, schau ihn an, und als hätte er mir die Frage vom Blick abgelesen, schlägt er die Arme auseinander – und kapituliert: „Ich hab nicht anders können.“ Nicht anders, als dem Abgeordneten Hannes Rabensteiner aufs Villanderer Maul zu schlagen. Dialektverbot im Landtag hat er ihm erteilt und ihm somit die Wiederwahl für mindestens eine nächste Legislaturperiode garantiert. Dialekt zu reden, so viel politischen Instinkt hätte Schuler haben müssen, ist in Südtirol keine Frage von Sprache mehr, sondern des Standpunkts, des Eigensinns von mir aus, und so einen zu verbieten, ist verboten, politisch jedenfalls.
Der Landtagspräsident hat einen politischen Nobody zum Herold der herrschenden Unkultur gemacht. Den Herrn gab es gar nicht, jetzt ist er eine Marke: der wie wir! Möchte wissen, wer von seinen Hinterbänkler-Kollegen ihn nicht um die erteilte Chance beneidet. Der dialektal parlierende Rabensteiner ist in einen Trend gefallen. Und so blöd ist dieser Hannes von Villanders nicht, dass er jetzt die Welle nicht weiterreitet, die ihn zu landesweiter Bekanntheit getragen hat. Hat nur gefehlt, dass letzten Freitag im Landtag Markus Lanz pustrerisch weitergeredet hätte, und die Dialektwelle wäre parlamentarisch geadelt gewesen.
Korrekt deutsch simsen oder whatsappen gilt längst als spießig. Schreiben alle in Dialekt. Unser öffentlicher Rundfunk? In seiner Sportabteilung ist Dialekt bereits Amtssprache. Deshalb: Warum Paris und Sinner schon, aber Rabensteiner nicht? Neulich, beim Festkonzert einer Musikkapelle im Pustertal: Der junge Obmann tut sich schwer im Ablesen seiner Begrüßungsansprache. Die Leute lachen, aber wollen das Positive sehen: „Wenigstens hat er Dialekt gesprochen“, entschuldigen sie. Bei einem Schreibkurs in Mals erlaubte ich mir einmal mich zu wundern, dass die Schüler durch die Bank vinschgerisch sprachen. Der Deutschlehrer, den ich drauf ansprach, verstand. Ja, sagte er milde, „eine gewisse Helvetisierung halt“. Schön gesagt. Rabensteiner, red weiter vill anders!

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff

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