Außensicht

Tourismus: Reisende sollte man aufhalten

Schon öfter sagten mir Leser dieser Kolumne, ich möge nicht immer über die Geißel Massentourismus schreiben, es gebe doch so viele Themen, die Südtirol belasten. Mag sein, aber ich mache die Nachrichten ja nicht, ich lese sie nur. Zum Beispiel vor zwei Wochen in der Dolomiten: Da berichtete ein Reporter aus Villnöß, wie sehr das von „Fototouristen überlaufene“ St. Magdalena verzweifelt. Da warnten Umweltschützer vor einem Vier-Sterne-Tempel mitten im Nationalpark Stilfserjoch. Da klagten Rittner über Hubschrauber, die sechsmal am Tag landen. Und auf den Leserbriefseiten schimpfte ein Grödner, dass er für einen Drei-Zinnen-Ausflug „zwei Wochen im Voraus“ einen Bus reservieren soll. All das an nur einem Tag, in einer Zeitung, in einem halben Dutzend Texten.
Nun sind öffentliche und veröffentlichte Meinung nicht dasselbe, wie jeder weiß, der die Dolomiten schon länger liest. Aber würde ein Verlag wie Athesia, der mit Flugreisen und Gletscherbahn an ziemlich jedem Touristenzipfelchen Geld verdient, die Stimmung in der Bevölkerung eher über- oder untertreiben? Ich vermute Letzteres, und die SVP vermutet es auch. Deswegen redet sie mittlerweile mehr von „Overtourism“ als so mancher Grüner, deswegen lädt Arnold Schuler Markus Lanz zu seinem Zapfenstreich ein, weil die Ballade vom überlaufenen Land im ZDF-Deutsch noch glaubwürdiger klingt. Die Volkspartei ist laut. So laut, dass man fast vergisst, wie wenig sie handelt.
Ich verstehe das ja: Die SVP ist ein Tanker, es kostet Kraft, Zeit und einen Maulkorb für Harald Stauder, um sie umzusteuern. Deswegen handelt sie, von Bettenstups bis Symposium, so vorsichtig: Am Ende aber wird der Erfolg dieser Regierung nicht daran gemessen werden, wie viel die SVP über Massentourismus spricht, sondern daran, was sie dagegen tut. Übrigens im Eigeninteresse: Zwischen „Verkaufte-Heimat“-Rechten und kapitalismuskritischen Linken ist eine lagerübergreifende, tourismophobe Allianz ein machttaktisches Risiko. Und wenn Sie mir nicht glauben, stellen Sie sich einfach vor, Markus Lanz hätte das gesagt.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.