Außensicht

Kitas: Familie hat keine Uhrzeit

Kitas bis 22 Uhr. Darüber wird gerade in Bozen diskutiert. Mein erster Gedanke: bitte was? 22 Uhr? Wer bringt dann mein Kind statt mir ins Bett? Dieser Moment am Abend, wenn das Kind ruhiger atmet, schwer wird und einschläft. Manchmal dauert es ewig, manchmal nervt es. Aber oft ist es der Moment, in dem man denkt: Ja, dafür das alles.
Dann ist da halt auch die Realität: Schichtarbeit. Pflege. Gastro. Früh, spät, Wochenende. Jobs, die nicht pünktlich Feierabend machen, nur weil es gerade passen würde. Und die man auch nicht mal eben austauschen kann, nur damit das Abendritual gerettet ist.
Was also tun, wenn beide Elternteile so arbeiten? Oder wenn man alleinerziehend ist und keine Omas und Opas hat? „Dann muss man halt zurückstecken“, sagen manche. „Oder keine Kinder machen“, sagen die anderen. Klingt herrlich einfach, wenn es nicht das eigene Konto, der eigene Beruf, das eigene Leben ist.
Ich merke, wie ich selbst nicht weiterkomme. Ein Teil von mir sträubt sich. Ein anderer weiß, dass es oft keine schöne Lösung gibt, sondern nur eine, die irgendwie geht.
Im Netz stoße ich auf 24-Stunden-Kitas. Ja, auch das gibt es. Wenige, meist in Großstädten. Dort übernachten die Kinder auch. Mein erster Impuls: Das geht zu weit. Aber: Vielleicht frühstücken diese Kinder dann mit ihren Eltern, gehen am Vormittag zusammen einkaufen, auf den Spielplatz, sitzen in der Sonne. Nur eben zu anderen Zeiten. Wer hat festgelegt, wann „richtige“ Familienzeit ist?
Sie sind immer schnell da, die Stimmen, die wissen, wie es sein sollte. Ich halte mich zurück, weil ich mein Modell kenne – aber eben nur meines. Mein Arbeitstag beginnt oft sehr früh. Wäre es bei meinem Partner auch so, bräuchten wir eine Kita, die im Morgengrauen aufsperrt, spätestens um halb fünf. Auch keine schöne Vorstellung. Ein Kind aus dem Schlaf reißen, damit sich alles irgendwie ausgeht.
Wir haben Glück, wir haben eine gute Lösung gefunden. Andere nicht. Oder eben anders. Und da liegt das Problem: Von außen ist schnell alles falsch, von innen oft einfach notwendig. Wer urteilt, hat es meist nicht selbst organisiert.

von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.