Iris Rabensteiner ist Hebamme, zweifache Mama – und hat genug von der geschönten Darstellung des Mutterseins.
Außensicht
Frei.Wild und die Polizei: Schrei nach Liebe
Der Mann als solcher ist ein unvollkommenes Wesen. Immer fehlt ihm irgendetwas, und je näher er den fünfzig Lebensjahren kommt, desto größer wird die Leere in seiner Brust. Mal nimmt das Loch die Form eines Porsches an, mal die einer jungen Geliebten, mal die einer 2.000 Euro teuren Siebträger-Espressomaschine. Und immer muss es schnell gefüllt werden. Auch Philipp Burger, Frontmann der Brixner Band Frei.Wild, nähert sich mit schweren Stiefeln seiner Lebensmitte, der Schwelle vom Rebell zum Rentner. Wie steht es um das Loch in seiner Brust? Nun, es hatte offenbar die Form eines Podcast-Mikrofons, ein chronisches Leiden bei Männern dieses Alters.
Doch Burger hilft sich selbst! Seit Neuestem hat er sein eigenes Laberformat und ein Studio wie aus dem Schöner-Wohnen-Katalog. Dort sitzt er zwischen gedeckten Farben und grünen Farnen und begrüßt als ersten Gast von „Frei.Wild Inside“ – etwa einen Musikerkollegen? Nein, Manuel Ostermann, Lobbyist einer kleinen Berliner Polizeigewerkschaft. Ein ungleiches Duo, denkt man auf den ersten Blick, doch nach eineinhalb Stunden „Interview“ sind alle Zweifel ausgeräumt: Bei „Frei.Wild Inside“ sprechen keine harten Kerle. Das hier ist ein Pärchen-Podcast.
Widerspruch gibt es nicht, nur schmachtendes Miteinander: Beide halten die Gesellschaft für „verweichlicht“ und die Medien für gemein. Burger erzählt vom „Zigeuner-
schnitzel“, das man ihm streitig machen wolle, und dem „woken Scheiß aus Amerika“. Ostermann davon, dass man heutzutage schon als „rechtsradikal“ betitelt werde, nur weil man keine Lust aufs Gendern habe. Vor allem aber versichern sich beide ständig gegenseitig ihres Mutes – weil sie doch so viele Shitstorms durchleiden und gegen die „Fan-Schar der Hater“ bestehen müssten.
Hass, wirklich? Wo? Nicht von mir jedenfalls, ich stehe dieser jungen Liebe nicht im Weg. Im Gegenteil: Eine Gesellschaft, in der sich ein Multimillionär mit einem Polizeilobbyisten zusammensetzt und es beide fertigbringen, sich als Verfolgte zu inszenieren, entspricht exakt meinen Vorstellungen. Denn sie legt großen Wert auf eine blühende Fantasie.
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
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