Außensicht

Kunstbiennale Venedig: Pipi, Kakka, Popo

Ab einem gewissen Alter interessieren sich kleine Kinder sehr für ihre Geschlechtsteile und registrieren begeistert, dass man damit Aufsehen erregen kann. Wer kennt ihn nicht, den herausfordernden Blick eines Dreijährigen, der den blanken Allerwertesten präsentiert, während man im Gespräch mit der Nachbarin ist? Und es sind ja nicht nur Körperteile, mit deren Freilegung man schnell und unkompliziert im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, auch diverse Ausscheidungen beziehungsweise ihre häufige und lautstarke Nennung ist bei Menschen um ein Meter Körpergröße sehr beliebt.
Daran muss ich denken, wenn die Rede von Florentina Holzinger ist. Die gefeierte österreichische Performancekünstlerin war vor drei Jahren bei Transart in Atzwang zu Gast und machte dort, was sie am besten kann: krawallig schocken mit bewährten Mitteln aus dem Ekelfundus. Nackte Frauen tanzten und pissten in Kübel, ließen tiefe Einblicke in Körperöffnungen zu, eine nackte Frau ließ sich an Fleischerhaken im Rücken an die Decke ziehen und blutete munter auf eine Plastikplane. Zwischentöne suchte man vergeblich. Das Publikum wand sich lustgrauselnd in den Sitzen und klatschte begeistert. Ich dankte Gott dafür, dass meine Mama nicht mitgekommen war.
Dass Florentina Holzinger nun die Menschen in Scharen auf die Biennale in Venedig lockt, wo sie sich die Füße in den Bauch stehen, um nackte Frauen in einem transparenten Pipitank (enttäuschenderweise nicht mal gelb) herumschwimmen oder in durchfallartiger Substanz (hier stimmt die Farbe) planschen zu sehen, finde ich erstaunlich. Dass sie damit so viel Empörung erntet, ebenso: Sind wir immer noch die prüd-braven Spießbürger, die sich mit Pipi-­Kakka-Spielen hinterm Ofen hervorlocken lassen? Ist das nicht ziemlich gähn und 70er-Jahre? Haben wir die wirklich harten Schocker nicht längst im Weltgeschehen und den finsteren Ecken des Internets? Ich werde es mir wohl ansehen müssen, um mir ein abschließendes Urteil zu bilden. Und das Spiel brav mitmachen. 

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin

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