Die Kunstwerke von Franco Vaccari sind erst fertig, wenn Menschen sich darin aufhalten. Das Museion in Bozen zeigt, wie das geht.
Außensicht
Die Precompilata: Der Staat weiß alles
Es ist wieder diese Zeit im Jahr, wenn alle Vereine plötzlich unglaublich freundlich werden. Fußballverein, Kirchenchor, Freiwillige Feuerwehr. Überall wird man charmant daran erinnert, doch bitte die fünf Promille genau ihnen zu schenken. Es ist wieder Steuerzeit.
Früher bedeutete das: Schuhkartons voller Rechnungen, halb verblasste Apothekenzettel und leichte Panikattacken beim Gedanken an den Gang ins Patronat. Mittlerweile heißt es seit Jahren nur noch: Mach doch die precompilata, die vorausgefüllte Steuererklärung. Also habe ich es jetzt auch versucht.
Mit Spid. Passwort. Sicherheitscode. Noch einem Sicherheitscode. Einer digitalen Identität, die sich anfühlt, als wolle man nicht die Steuererklärung öffnen, sondern in ein Nato-System eindringen. Irgendwann öffnet sich dieses Ding tatsächlich und das eigentliche Erlebnis beginnt.
Und dann merkt man: Der Staat weiß alles.
Nicht ungefähr. Sondern erschreckend genau. Die Zahnarztrechnung vom Februar? Eingetragen. Die Abschreibungen der Wohnungssanierung? Natürlich drin. Die Lebensversicherung? Selbstverständlich. Ich hatte beim Durchscrollen kurz das Gefühl, dass demnächst noch auftaucht, wann ich mir neue Schuhe gekauft habe – doch nein, die kann man ja nicht absetzen, wäre aber schön.
Bequem ist es schon. Man muss nicht mehr jeden zerknitterten Kassenzettel aus der hintersten Küchenschublade ziehen. Und trotzdem sitzt man vor diesem Bildschirm und denkt sich: Ihr wisst alles über mich. Wahrscheinlich mehr als ich selbst.
Nur beim Erklären, was ich eigentlich machen muss, hört es dann plötzlich auf. Ohne Chat-GPT wäre ich wahrscheinlich heute noch irgendwo zwischen Pin, Passwort und Fehlermeldung verloren.
Während ich so durch meine steuerlich komplett durchleuchtete Existenz scrolle, frage ich mich, wann sich die Versicherungen dazuschalten. Vielleicht kommt dann direkt unter den Arztspesen die passende Versicherung. Praktisch wäre es ja. Man soll den Fortschritt nicht aufhalten.
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
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