Außensicht

Die Ki: Kaputte Intelligenz

Vergangene Woche ließ das US-Unternehmen Anthro­pic aufhorchen: Die Tech-Firma, Entwickler des Chatbots Claude, sprach sich für eine weltweite Pause bei der Entwicklung leistungsstärkerer künstlicher Intelligenz aus, damit „gesellschaftliche Strukturen und die Forschung zur Ausrichtung der KI mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten können“.
Das hört sich beunruhigend und wichtigtuerisch zugleich an: Als sei man im Begriff, etwas zu schaffen, das einem über den Kopf wächst, wenn man sich nicht rechtzeitig am Riemen reißt. Im Lichte dessen, dass Anthropic seinen Börsengang plant, kann man hinter der Botschaft (und dem Hype, den sie natürlich befeuert) getrost auch wirtschaftliche Interessen vermuten: Wir sind so genial, dass uns selbst nicht mehr ganz wohl ist.
Was mir Angst einflößt, nicht in Zukunft, sondern jetzt schon, sind nicht Humanoide, die die Weltherrschaft an sich reißen könnten. Es ist die Bereitschaft, mit der wir unsere Köpfe dumpf und stumpf werden lassen, weil uns die KI so vieles abnimmt. Unis klagen, dass Studenten keine Bücher mehr lesen: Sie lassen sie von der KI zusammenfassen. Schülerinnen erstellen Präsentationen, ohne sich in die Materie eingelesen zu haben: erledigt die KI. Lästige Emails schreibt sie uns ebenso wie Protokolle oder, gewiss: Kolumnen.
Und längst nimmt sie uns nicht nur Aufgaben im Beruflichen ab. Auch im Privaten erspart sie uns das Denken, Argumentieren, uns Infragestellen: Wenn sie das Geburtstagsgedicht für die Oma ausspuckt, im Gespräch über eine Krise die Freundin ersetzt, uns den Tagebucheintrag erstellt. Alles glatter, affirmativer, seelenloser Einheitsbrei.
Nicht alles, womit wir uns beschäftigen, ist anspruchsvoll. Dass wir die KI bei zeitfressenden Floskeltasks zu Hilfe nehmen, hat seine Berechtigung. Aber je mehr wir ihr übertragen, desto mehr verlernen wir, es selbst zu tun. In seiner bemerkenswerten Enzyklika warnt Papst Leo XIV. davor, dass perfekte Maschinen das menschliche Denken nutzlos erscheinen lassen, unsere Wissbegierde ersticken.
Dabei werden wir unsere Köpfe in Zukunft mehr als je zuvor brauchen. 

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin
und ehemalige ff-Redakteurin

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