Unverschämtes Business, Illusionsmaschine, Droge, Vergnügen: Der Fußball ist vieles. Die Leute wissen um seine negativen Seiten. Warum sind sie trotzdem hingerissen, wenn der Ball rollt?
Außensicht
Pride Month: Mit wehenden Fahnen
Die Regenbogenflagge ist ein Tuch mit sechs Farben: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Das sind, wenn man sie mit anderen Fahnen vergleicht, relativ viele. Die deutsche hat bloß drei, Japan zwei, das bolivianische Departamento Cochabamba sogar nur eine Farbe, nämlich hellblau. Gut möglich, dass das manche Bolivianer vor ziemliche Identitätskonflikte stellt: Wie will man sich zu seinem Land bekennen, wenn man, sagen wir, ein Grüner in Cochabamba ist? Der Regenbogen ist da integrativer: Jeder, selbst ein maskuliner Fratello, findet darin seine Herzensfarben.
Umso erstaunlicher ist es, dass wir Juni für Juni denselben Konflikt austragen: Der Landeshauptmann (schwarz) hängt die Pride-Flagge auf, sein Stellvertreter (grün-weiß-rot) läuft vor Wut violett an, der Koalitionspartner (blau) prügelt gleich den ganzen Monat zum „Stolzmonat“ um, während ein Oppositioneller (knollrot) Parallelfronten gegen die Trikolore eröffnet. Allen fällt das Kämpfen leicht, eine Fahne kann wachteln, aber sich kaum wehren. Und niemand hat die Einsicht, die selbst dem großen Rap-Philosophen Moneyboy schon vor Jahren kam: „Ich seh’ nen naked dude, gucke hin: ,toller Schwanz!’ / und setze so ein Zeichen gegen Intoleranz.“
Man erwartet sich von unseren Politikern deutlich weniger als von Moneyboy, keine Reime, keine Kostümierung, auch keine gemeinsame Pressekonferenz mit Olivia Jones. Es wäre bereits viel erreicht, wenn sie ihre Distinktionsfestspiele nicht auf dem Rücken einer ohnehin schon gemarterten Minderheit austragen würden. Südtirol solle sich „aus ideologischen Auseinandersetzungen heraushalten“, schreibt etwa Freiheitlichen-Obmann Roland Stauder, während er gleichzeitig mit einem Slogan der Identitären Bewegung hantiert. Aber dann lese ich die „Dolomiten“, die den Streit um all die Buntstiftfarben in einer knappen Zeile zusammenfassen: „Regenbogenflagge ist für manche ein rotes Tuch“. Und ich frage mich, ob diese chronische Krankheit mit „Homophobie“ unter Umständen falsch diagnostiziert ist. Womöglich handelt es sich, wie bei vielen wild gewordenen Stieren, schlicht um Farbenblindheit.
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des
Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
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