Er war eimmal ein radikaler Autonomer mit Lust auf Krawall. Heute ist er Traditionalist. Der ungewöhnliche Weg von Andrés Carlos Pizzinini.
Außensicht
Sterbehilfe: Recht und Gewissen
Meine Brixner Tante Moidele diktierte 99-jährig in ihrer Patientenverfügung: „Nicht aufhalten, und auch nicht schieben!“ Schöner gesagt geht nicht, aber reicht es? Wir diskutieren über „medizinisch assistierten Suizid“. Ein Geisterbegriff, der mehr verhüllt, als dass er erklärt. Sterbehilfe zu sagen wäre humaner, ist aber wahrscheinlich zu deutlich. Gesundheitslandesrat Hubert Messner hat das Tabu gebrochen und stellt sich der Frage. Südtirol wird eine gesetzliche Regelung haben. Respekt dafür!
Keinen Respekt verdient freilich die Art, wie unser autonomer Gesetzgeber die Frage angeht. Ein Abänderungsantrag, einer unter Dutzenden, zu einem sogenannten Omnibusgesetz, das noch vor den Sommerferien durch den Landtag gepeitscht werden soll. Eine Frage über Leben und Tod, hineingewurstelt irgendwo zwischen Schilehrer-Ordnung, Trockenheit-Entschädigungen und Bauaufträgen, ist kein Vorbild autonomer Gesetzgebungskultur. Der Gegenstand hätte zumindest ein eigenes Gesetz verdient.
Bischof Ivo Muser – wie zu erwarten – hat wortreich mit „Wehret den Anfängen!“ dagegengehalten. Es ist das alte Stück. Ob am Anfang oder zum Ende des Lebens: Wer die Entkriminalisierung von Abtreibung als Mord hinstellt und die Legalisierung des assistierten Suizids gleich in die Nähe der Euthanasie nazistischen Gedenkens rückt, verleugnet die Realität und weiß nicht, was Pflicht des Rechtsstaates ist. Die Gewissensfrage bleibt, wird aber nie positives Recht erübrigen. Der Staat muss Recht schaffen, und er tut es in der konkreten Frage unter sehr strengen Bedingungen, solchen, die Tante Moideles „nicht schieben!“ sehr nahekommen.
Unterschiedliche Standpunkte dazu sind zu respektieren. Ein besonders respektables Beispiel dafür lieferte das Katholische Sonntagsblatt in seiner jüngsten Herzjesusonntag-Ausgabe: Im Innenteil „mit tiefer Sorge“ ausführlich das Nein des Bischofs; vorne der neue Chefredakteur Martin Lercher in seinem Leitartikel: „Gesetze sind notwendig. Sie müssen die Freiheit des Einzelnen bis zum Schluss wahren.“ Respekt vor dem innerkirchlichen Pluralismus.
von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff
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