Außensicht

Das Versteckte Gehalt: Übers Geld reden

Ich weiß, welche Freundin schon einmal in Therapie war. Welches Paar beinahe geschieden worden wäre. Und welcher Kollege seine Ex noch immer nicht vergessen hat. Aber was sie verdient? Keine Ahnung.
Und damit bin ich vermutlich nicht allein. Wir reden heute über alles: über Kinderwunsch, Paartherapien und Darmspiegelungen. Aber frag einmal eine Freundin oder einen Freund nach deren Gehalt. Plötzlich wird es still. Über Sex spricht man inzwischen beim zweiten Aperitif. Über das Gehalt nicht einmal nach zehn Jahren Freundschaft.
Dabei reden wir ständig über Geld, halt anders. Wir schätzen, spekulieren und rechnen im Kopf. Das Haus? Kostet wahrscheinlich ein Vermögen. Ein neues Auto? Die müssen ja Geld haben. Nur die eine Zahl, um die es eigentlich geht, kennt niemand.
Erst vor Kurzem habe ich mit einigen Kollegen über unsere Gehälter gesprochen. Es war ein seltsames Gespräch. Nicht wegen der Zahlen, sondern weil wir plötzlich so einen Flüsterton in der Stimme hatten, als würden wir etwas Verbotenes besprechen.
Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, daraus ein Geheimnis zu machen. Und jetzt greift sogar die EU ein und versucht, dieses Tabu aufzubrechen. Künftig müssen Gehälter in Stellenanzeigen angegeben werden. Und wer sich unfair bezahlt fühlt, kann mehr Transparenz einfordern.
Schräg dabei ist: Wir tun immer so, als müssten Arbeitnehmer ihr Gehalt geheim halten. Dabei wirken oft die Arbeitgeber deutlich nervöser, sobald jemand darüber spricht. Dann heißt es schnell: „Darüber darfst du aber mit niemandem sprechen, sonst ist der Betriebsfrieden dahin.“ Der Betriebsfrieden. Offenbar etwas, das schon gefährdet ist, wenn zwei Kollegen oder Kolleginnen ihre Gehaltszettel vergleichen.
Aber wenn die Unterschiede nachvollziehbar sind, weil jemand eine Abteilung führt, länger dabei ist oder bessere Ergebnisse liefert, warum sollte man dann Angst haben, die Gehälter offenzulegen? Wenn schon ein Gespräch über Gehälter reicht, um den Betriebsfrieden zu zerstören, dann war es vielleicht nie Frieden.

von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin

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