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Außensicht
Hitzewelle: Einfach mal absagen
Ich sitze vor dem Computer und schwitze. Kurz frage ich mich, ob Tippen auf der Tastatur bei 35 Grad eigentlich schon als körperliche Anstrengung gilt. Falls ja, lege ich den Laptop sofort weg.
Ach gea. Alle, die bei diesen Temperaturen auf dem Bau, auf den Straßen, in der Landwirtschaft oder sonst irgendwo draußen arbeiten, dürfen jetzt mit den Augen rollen. Chapeau – ihr seid die wahren Hitzekämpfer. Allen anderen wird in diesen Tagen geraten, einen Gang zurückzuschalten. Viel trinken. Körperliche Anstrengung vermeiden. Alles Dinge, die man eigentlich niemandem erklären müsste.
In Nordtirol mussten nach einem Berglauf mehrere Sportler mit über 41 Grad Körpertemperatur ins Krankenhaus. In Hamburg wurde ein Halbmarathon abgesagt, weil die Veranstalter befürchteten, dass viele trotz der Hitze gestartet wären – schließlich hatte man monatelang trainiert. In Paris wurde wegen der Hitzewelle der Alkoholkonsum im öffentlichen Raum eingeschränkt, um zusätzliche Notfälle zu vermeiden und die Krankenhäuser zu entlasten.
Da frage ich mich schon: Braucht es das wirklich? Sind wir tatsächlich an einem Punkt angekommen, an dem es erst Verbote oder Absagen braucht, damit wir den Hausverstand einschalten?
Wir haben verlernt, einfach einmal zu sagen: heute nicht. Alles muss stattfinden. Der Lauf. Das Fußballturnier. Die Berg- oder Radtour. Man hat sich angemeldet, monatelang trainiert oder sich lange darauf gefreut – also zieht man es durch. Absagen scheint heute schlimmer zu sein, als umzufallen. Doch 38 Grad interessieren sich herzlich wenig für unseren Terminkalender.
Vielleicht würde es schon reichen, den Ehrgeiz für ein paar Tage herunterzuschrauben. Den Lauf ausfallen zu lassen. Die Wanderung zu verschieben. Einfach anzuerkennen, dass der Körper keine Maschine ist.
Und jeder vermiedene Hitzenotfall ist einer weniger für Rettungsdienste und Krankenhäuser, die ohnehin am Anschlag arbeiten. Der Hausverstand braucht gar keine Hitzewarn-App. Denn absagen sollte nie schlimmer sein, als umzufallen.
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
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